Bindung, Prägung, Moral
– Anregungen zu einer Wormser Charta für nachhaltige Erziehung

Impulsvortrag Wormser Ethikinitiative am 20. Juni 2009

Was kann ich wissen?

Was darf ich hoffen?

Was soll ich tun?

Der Kanon philosophischen Fragens ist seit Jahrtausenden unverändert. Und er kulminiert traditionell in der Frage nach der Ethik, nach dem rechten, dem gerechten Handeln. Dieser Frage will ich mich heute unter pädagogischen Gesichtspunkten in einigen fragmentarischen Überlegungen zuwenden.

Zunächst: jeder Versuch, Kinder in Fragen der Ethik erst in der Schule abzuholen, ist per se zum Scheitern verurteilt. Die Prägungsphase auch in moralischen Fragen, das wissen wir spätestens seit den Untersuchungen von Jean Piaget, beginnt lange vor dem Schulalter, vermutlich sogar schon im ersten Lebensjahr. Sinnvolle Ansätze der Einflussnahme müssen demzufolge auf jeden Fall bereits in der Familie, speziell in der Mutter-Kind-Bindung oder aber zumindest in der Kinderkrippe bzw. im Kindergarten erfolgen. Alle anderen Initiativen sind mit hohem Aufwand verbunden, Erfolg fraglich.

Was heißt das?

Lassen Sie mich vorab noch einmal den – quasi – gesamtgesellschaftlichen Rahmen beschreiben, über den wir hier verhandeln.

Am 14. März 2009, am Tag nach unserer Gründungssitzung also, schrieb Michael Garthe, Chefredakteur der in Ludwigshafen erscheinenden RHEINPFALZ, unter dem Titel „Der entwertete Mensch“ einen höchst eindrucksvollen Leitartikel. Seine Kernthese: „Je weniger die Gesellschaft jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit anerkennt, umso größer ist die Bereitschaft, Gewalt gegen Personen anzuwenden.“ Winnenden zeige, so Garthe, wie dringend eine Umkehr sei.

Die Hauptursache für diese Entwicklungen macht Garthe im Materialismus unserer Welt aus, in der Wohlstand wichtiger sei als Liebe.

Die Materialismus-Lastigkeit unserer Gesellschaft fängt eine gemeinsame Studie der Bepanthen-Kinderförderung und der Universität Bielefeld durchaus im Sinne unserer Fragestellung eindrucksvoll ein. Fast 11% der befragten 6-13-Jährigen zweifeln am Leben. Nach der Studie sehnen sich arme Kinder vor allem nach stabilen Beziehungen. In Armut können solche Beziehungen ganz offensichtlich nicht gedeihen. Risiken verstärken sich in der Armut, ziehen andere Risiken an. Diese Risikokette ist kaum zu durchbrechen. Im Vergleich von armen und wohlhabenden Familien finden sich in der Gruppe der Armen bei 39% der Familien mehr als sieben Risikofaktoren im Vergleich zu nur 7% bei wohlhabenden Familien.

Andere Studien und Umfragen belegen nachdrücklich, dass die „Abzocker-Mentalität“ der sogenannten Eliten sozial „durchgereicht“ werden. Motto: Was der Chef einer deutschen Großbank darf, darf ich auch als Hartz-IV-Empfänger.

Kein Missverständnis: auch Kinder „reicher“ Eltern gehören nicht per se in die Kategorie der Gewinner in diesen Fragen, aus ganz anderem Blickwinkel freilich: was den einen, im umfassenden Wortsinn, zu wenig geboten wird, wird den anderen zu viel geboten. Auch hier findet eine zumindest hinterfragenswürdige Prägung speziell in der Eltern-Kind-Bindung statt – allerdings gibt es dazu keine einschlägigen Untersuchungen bzw. Studien. Zumindest keine, die mir bekannt geworden sind. Die Welt der „Eliten“ erweist sich als hermetischer, jeglicher Untersuchung unzugänglicher Bunker. Hier sind wir also (noch mehr) auf Vermutungen angewiesen. Genauso wie bei der Frage nach den Ausnahmen, die die berühmt berüchtigte Regel bestätigen: wie kommt es, dass es Menschen von „ganz unten“ nach „ganz oben“ schaffen? Der so genannte Resilienz-Faktor, nach dem u.a. in den menschlichen Genen seit geraumer Zeit geforscht wird, hat diesbezüglich noch nicht für wirklich echte, tragfähige Erkenntnisse gesorgt. Gesichert und durch Beispiele belegt ist nur, dass es die Resilienz, definiert als eine gelingende Entwicklung trotz hoher Risiken, gibt.

Wie auch immer: evident ist jedenfalls, dass sich eine Gesellschaft, die sich theoretisch Chancengleichheit auf die Fahnen geschrieben hat, querbeet durch alle Schichten in der gelebten alltäglichen Praxis genau in dieser grundlegenden Frage des sozialen Miteinander versagt. Politisch, wirtschaftlich, strukturell: Quasi in jeder Hinsicht. Nicht zuletzt auch im Hinblick auf das, was wir gemeinhin „Pädagogik“ nennen.

Die Möglichkeit eines Kindes zu lieben, glücklich zu sein, seine Vernunft zu gebrauchen, aber auch spezifischere Möglichkeiten wie etwa die Entwicklung künstlerischer Gaben setzen – in der Regel - günstige Entwicklungsbedingungen voraus, können aber schon im Keim erstickt werden, wenn diese Bedingungen fehlen. Erziehung ist insofern identisch mit der viel dimensionalen Hilfe, die einem Kind zuteil wird, damit es seine Möglichkeiten verwirklichen kann. Und genau hier gilt: Je schwieriger die wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen des kindlichen Umfeldes sind, desto weniger wahrscheinlich ist die Entwicklung genau dieser spezifischen Potenziale des heranwachsenden Menschen.

In bestimmten frühen Entwicklungsphasen ist das Kind zunächst ausschließlich von seinen Eltern abhängig, von deren Ideen, Gefühlen, deren Lebensäußerungen, welcher Art diese auch immer sein mögen: Bindung, Bindungsfähigkeit und -qualität, erweist sich als Primärbedürfnis. Denn das Kind ist notwendig unfähig, die Autorität seiner Eltern anzuzweifeln. Ein kritisches Bewusstsein kann erst entwickelt werden, sobald sich der Mensch von den Eltern emanzipiert und das eigene Selbst entdeckt. Die kritischen Fähigkeiten eines Menschen und damit die Möglichkeit zur Freiheit, den eigenen Willen, das eigene Selbst zu leben, nehmen in dem Maße zu, in dem er sich von der elterlichen Autorität freimacht und „erwachsen“ wird. Allerdings: vollständig gelingt dies nie. Die Prägung unserer Kindheit lassen wir niemals ganz hinter uns. Wir alle sind das Produkt nicht nur unserer Eltern sondern auch der nächsten sozialen Umgebung, die wir in unseren Prägungsjahren erfahren dürfen oder müssen.

All das ist uns geläufig. Das wissen wir alle, die wir uns mit Bildung und Erziehung – wie und in welcher Art auch immer – auseinandersetzen, damit befasst sind, uns dies gegebenenfalls zur Aufgabe oder zum Beruf gemacht haben – oder Eltern sind. Was also hindert uns daran, „unsere“ Kinder „menschengemäß“ zu erziehen?

Die Antwort darauf ist schwierig und – leider – einfach zugleich: wir wissen nicht, wer oder was der Mensch ist – zumindest nicht verbindlich. Alle Antworten auf diese Frage sind ideologieverdächtig und befördern Vorurteile und Ressentiments. Wir alle wurden und werden in eine irgendwie geartete Gemeinschaft hineingeboren – genauso wie alle Menschen vor uns und alle Menschen nach uns. Wir alle sind das Produkt sozialer Gegebenheiten, bestimmter Rollenklischees und –zum Beispiel – einer bestimmten Vorstellung davon, wie Männer und Frauen sich zu verhalten haben, was gerecht ist und was ungerecht, was Schönheit ist, was Klugheit, ja, sogar was Gesundheit ist und was Krankheit. Wir sind ein Produkt unserer Welt, unserer Kultur, unserer Gesellschaft, in die wir hineinwachsen. Die „natürlichen“ Gaben, in früheren Zeiten Wertmaßstab per se für das Menschliche, wurden dem Materialismus, dem Bankkonto, dem Streben nach Geld oder sonstigen materiellen Besitztümern geopfert, um noch einmal Garthe zu zitieren. Und dies durch alle(!) gesellschaftlichen Schichten hindurch.

Das Geld, ein virtueller, ausschließlich künstlich kultureller Wert, wurde zum movens des Menschlichen. Denn Geld erscheint uns als gleichbedeutend mit Macht, jenseits aller strukturellen Gewalten. Geld ist gleichbedeutend des Versprechens einer demokratisierten Teilhabe an dem freien Markt der Güter und Eitelkeiten. Sage mir, was Du hast, und ich sage Dir, wer Du bist. Unter anderem der Sozialphilosoph Erich Fromm hat dieses Problem des Menschlichen schlechthin thematisiert - zum Beispiel in seinem Buch „Haben oder Sein“. Wir leben, Fromm zufolge, in einer Welt des Habens, das Sein, das Leben wird zum Appendix einer virtuellen Welt des Materialismus, des Toten. „Nekrophil“ nennt Fromm uns Menschen, die wir das sekundäre Haben höher schätzen als das Leben, als die natürlichen Gaben, die uns gegeben sind. Fromm sieht uns dominiert von einem quasi allmächtigen Streben nach Geld und Besitz. Wir sind Sklaven des Habens.

Dynamisiert wird dieses moderne Sklaventum durch die Allmacht der Medien. Ganz im Sinne Erich Fromms analysiert Neil Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode“. Und im Blick auf unser spezielles Thema auf den Punkt bringt das Phänomen der Schriftsteller Bodo Kirchhoff im Spiegel vom 11. April 2009: „Unsere Kinder haben längst drei Elternteile, Mutter, Vater und die Medien…“ Letztere bedürfen einer besonderen „Würdigung“.

Als Beispiel von vielen aus der Medienwelt sei hier DSDS erwähnt. In dieser Serie wird ein viel dimensionaler Albtraum von Menschenbild auf den Schild gehoben. Und dieser Albtraum hat mit Geld und mit Ansprüchen zu tun. In DSDS wird den Gescheiterten, den Hoffnungslosen des modernen Lebens von Casting zu Casting und von Sendung zu Sendung vorgegaukelt, mit ein bisschen (ungeübtem) Talent könne man Superstar werden und viel Geld verdienen. Motto: Du brauchst nicht zu arbeiten, Du brauchst Dein Selbst nicht zu entwickeln, die prostituierende Zurschaustellung von ein bisschen Gesinge reicht – fürs Leben. Und Millionen an den Fernsehschirmen albträumen per Akklamation mit, multiplizieren als Stimmvieh einer gnadenlosen Kommerzmaschine den Anspruch der „Superstars“, Reichtum und Ruhm würde sich quasi über Nacht einstellen. Gerade dieses interaktive mediale Spektakel ist ein markantes Indiz für den Materialismus unserer Welt – unter dem Deckmäntelchen des Sängerwettstreits, dessen Ausgang wir alle mitbestimmen dürfen. Und zwar für den Preis eines halben Euros pro Wortmeldung. Mobil kann’s sogar noch teurer werden. Der medial inszenierte Puerilismus hat halt seinen Preis.

Aber mehr noch: Die Einflüsse der Medien vor allem in ihren daily soaps sind in Wort und Bild vorgelebte Leben, ein Leben aus zweiter Hand. Das Gelebt-werden flimmert uns tagtäglich in die guten Stuben über die Mattscheiben der Fernseher - und komponiert auch die Wahrnehmungshorizonte von Kleinkindern. Was innerhalb dieser kleinkindlichen Wahrnehmungshorizonte tatsächlich hängenbleibt, wissen wir nicht, können wir nicht wissen. Die Vermutung ist jedoch naheliegend, dass hier gewichtige moralische Prägungen des Kindes stattfinden. Wer sich – aus anderem Blickwinkel - über Forschungsergebnisse und Praxisbeispiele und -anleitungen informieren möchte, dem sei das hervorragende Buch von Gerhard J. Suess und Edith Burat-Hiemer: Erziehung in Krippe, Kindergarten, Kinderzimmer, empfohlen. Das Buch trägt den bezeichnenden Untertitel: „Kinder fordern uns heraus“.

Einen ganz anderen interessanten Ansatz verfolgt Hajo Bach, ehemaliger Bundeswehroffizier, Fallschirmjäger und Einzelkämpfer, mit seiner „Erlebnispädagogik im Wald“ – für Kinder allerdings im schulpflichtigen Alter, die das Leben und Überleben in der Natur und in der Gemeinschaft mit anderen erlernen. Das Glück des einfachen Lebens, das verdeutlicht der Ansatz des Erlebnispädagogen eindrucksvoll, bekämpft Süchte und befördert die soziale Integration. Seine Erfahrungen hat Bach in einem praxisorientierten Buch zusammengefasst – eine inspirierende Anleitung zum natürlichen Überleben im Wald.

Soweit einige vermischte Anmerkungen. Was heißt das konkret für unser Thema „Nachhaltigkeit in Erziehung und Bildung“?

Zunächst: wir müssen uns des höchst unbestimmten Grunds, auf dem wir in dieser Frage alle stehen, vergewissern. Die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation gilt auch und gerade in der Pädagogik. Mehr noch: wir wissen, dass wir nichts wissen. Verbindliches und Verbindendes muss immer wieder hinterfragt und ggfls. neu entwickelt werden. Wesentlich sind dabei nicht die Antworten sondern die damit im Zusammenhang stehenden Fragen. Diese Fragen gilt es, immer wieder und immer wieder neu zu thematisieren. Genau dies und nur dies kann „Nachhaltigkeit“ im Sinne unseres Themas bedeuten. Denn verbindlich verbindende Antworten kann es keine geben. Deswegen müssen wir uns jenen über die Zeiten hinweg verbindenden Fragenkatalog aller Pädagogik vor Augen stellen, die in diesem Zusammenhang relevanten Fragen der Ethik herauskristallisieren – und unsere Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Meine konkrete Anregung für unsere Initiative: die gemeinsame Entwicklung einer Wormser Charta für eine nachhaltige Erziehung, die genau diese Fragen katalogisiert. Denn die Präsenz dieser Fragen in unserem Bewusstsein sensibilisiert uns für die akuten Probleme unseres pädagogischen Alltags, wo und unter welchen Umständen wir auch immer mit solchen konfrontiert werden.

Dr. phil. Kurt E. Becker, Emmendingen im Juni 2009

 




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