Das Charisma des Erziehers

Impulsvortrag Wormser Ethik-Initiative am 11. September 2009

Die großen charismatischen Lehrmeister der Menschheitsgeschichte hatten allesamt die Verwirklichung einer gerechten Gesellschaft im Blick. Der Humus ihrer Lehren? Die je akute Ungerechtigkeit ihrer spezifisch eigenen Zeit, in der sie lebten.

Doch schauen wir in die Gegenwart. Wir leben in einer skandalös ungerechten Welt. Und die Wirklichkeit dieser Welt, ob wir dies wahrhaben wollen oder nicht, haben wir selbst zu verantworten. Denn wir haben sie gemacht bzw. wir haben es zugelassen, dass sie gemacht wurde. Wir haben uns zumindest nicht dagegen gewehrt.

Das ist neu in der Geschichte der Menschheit. Der Einzelne verantwortlich für das, was geschieht und wie etwas geschieht im Sozialwesen der Vielen. Partizipation, Teilhabe des Individuums am Gemeinwesen, ist das Prinzip der Demokratie – und die ist gleichbedeutend unserer persönlichen Freiheit, Gerechtigkeit zu verwirklichen, und gleichbedeutend unserer persönlichen Verpflichtung, Ungerechtigkeit zu verhindern. Auch das Charisma wurde somit demokratisiert.

Über die bizarren Auswüchse dieser Ungerechtigkeit können wir uns Tag für Tag informieren – quasi überall auf der Welt, in den Medien. Aus dem schier unendlichen Katalog der Skandale wähle ich mir Beispiele aus einem Bereich, der essentiell mit unserem Thema zu tun hat: unsere Arbeits- und Wirtschaftswelt.

Unsere Arbeits- und Wirtschaftswelt ist ungerecht. Ganz zweifellos. Deren Ungerechtigkeit ist uns noch nicht mal mehr einer Erwähnung wert. So sehr haben wir uns damit abgefunden. Wir haben uns mit dieser Ungerechtigkeit arrangiert – leben mit ihr auf du und du.

Auch dies ist ein Skandal. Einer der ganz persönlichen Art. Fraglos. Wir haben unseren Sinn, unsere Sensibilität verloren und unser persönlich eigenes Charisma noch nicht erkannt, akzeptieren Ungerechtigkeiten sehenden Auges und halten still, weil wir meinen, das System nicht verändern und damit einer charismatischen Verpflichtung nicht nachkommen zu können. Denn auch hier gilt der Jesussatz: Es steht geschrieben, ich aber sage euch. Übersetzt: Verändert das System, damit es in Eurer Welt gerecht zugeht.

Aber lassen Sie mich für die These der Ungerechtigkeit unserer Arbeits- und Wirtschaftswelt einige Beispiele nachreichen:

  • Die Globalisierung der Wirtschaft benachteiligt sozial Schwache und bevorteilt sozial Privilegierte
  • Die Chancengleichheit von Frau und Mann im Berufsleben ist ein nirgendwo auf der Welt realisierter Idealzustand
  • Die Geld- und Machteliten auch hierzulande bleiben weitestgehend unter sich, ein sozialer Aufstieg von sozial Unterprivilegierten gelingt selten
  • Bildung allgemein und die Verfügbarkeit von Bildungseinrichtungen zur Qualifizierung im Berufsleben ist für sozial Unterprivilegierte häufig eine unüberwindbare Hürde
  • Last not least – um mit Wilhelm Busch zu sprechen: Der eine fährt Mist, der andere spazieren, das kann zu nichts Gutem führen

Der mit diesen Beispielen gleichzeitig einhergehende Wertewandel, der sich gerade bei den Heranwachsenden im Verlauf der letzten 40 Jahre vollzogen hat, zeitigt dramatische Konsequenzen. Waren die sogenannten 68er noch unterwegs für soziale Gerechtigkeit auch und gerade in der Arbeitswelt, so ist zum Beispiel die heutige Hip-Hop-Generation an einem einzigen Leitsatz orientiert, der die Wirklichkeit unserer Gesellschaft abbildet, wie kein zweiter: Get rich or die trying, gleich womit oder wodurch – bezogen sowohl auf den Reichtumserwerb als auch das mögliche Scheitern beim Versuch, Reichtum zu erwerben: Erschossen werden beim Bankraub etwa oder Tod durch Herzinfarkt haben durchaus vergleichbare Qualitäten. Materieller Reichtum ist alles und alles wert: auch den Einsatz oder den Verlust des eigenen Lebens. Kein Missverständnis. Nicht die Hip-Hop-Kultur steht hier am Pranger. Im Gegenteil. Die Hip-Hopper mit ihren Goldkettchen bekennen sich wenigstens offen zu dem, was auch die Mehrheit von uns „Normalos“ umtreibt – und zu skurrilem Aktivismus verführt. Ein Beleg für diese These? Die jüngsten Pilgerfahrten zum Goldenen Kalb, Lotto-Jackpot genannt, nach Italien.

Die Verabsolutierung von Gelderwerb und Reichtum ist in der Geschichte der Menschheit nicht neu. Genauso wenig wie das Streben nach Macht und die damit verbundenen Eroberungsgelüste von politischen Potentaten jedweder Provenienz. Neu allerdings ist die Demokratisierung der Anspruchshaltung – damit mit dem Gleichheitsgrundsatz der französischen Revolution quasi Ernst machend, diesen Gleichheitsgrundsatz als Wert in unserem Bewusstsein etablierend. Hinter jedem „Wert“, auch hinter dem „Gleichheitsgrundsatz“, steckt ein bestimmtes „Bild vom Menschen“ – wesentlich in zwei Essentialien zum Ausdruck kommend: Hie das Individuum, dessen Hoch-Zeit im Individualismus seit der Renaissance gefeiert wird, dort das Sozialwesen, dessen Verortung nach dem Scheitern von „realem Sozialismus“ und „realem Kommunismus“ schwer fällt. Sicher ist nur, dass die mit diesen Menschenbildern verbundenen Werte in einem steten Kampf stehen, und zwar durch die Menschheitsgeschichte hindurch. Das Kampfgetümmel wird heute allerdings wieder lauter und deutlicher wahrgenommen, weil sich die Grenzen des Individualismus abzuzeichnen beginnen, und wir alle uns vergewissern müssen, dass wir auf unsere Mitmenschen angewiesene Wesen sind. Deswegen werden Werte wie Gemeinschaftssinn, Teamgeist und Fürsorge immer vehementer gegen Leistungsdenken und wirtschaftlichen Erfolg ins Schlachtfeld geführt werden müssen. Aber der Lärm dieser Schlacht klingt durch die Jahrtausende hindurch – von Buddha und Sokrates bis hin zu Marx und Nietzsche. Was es immer wieder zu erinnern gilt, ist die Doppelgesichtigkeit des Menschen, sein Charisma zum Guten wie zum Bösen.

Doch kommen wir zurück auf unser Thema und damit auf eine aktuelle Situation und die realitätsbezogene Frage nach dem so und nicht anders Geworden-Sein der Arbeit in dieser Zeit und in dieser Welt: Ist der Zweck des Arbeitens tatsächlich ausschließlich das Geldverdienen? Des Lebens Sinn erfüllt mit der Anhäufung von materiellen Gütern?

Wir können dies drehen oder wenden wie auch immer wir wollen, genau dies ist die essentielle Indikation von „Erwerbsarbeit“. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier nicht über das Arbeiten zur Selbstverwirklichung, wie Ernst Jünger dies zum Beispiel proklamiert hatte, auch nicht über den Arbeitsbegriff eines Künstlers, der ja per definitionem bereits heraus fällt aus der ehernen Umklammerung systemischen Wirtschaftens. Wir sprechen also nicht über „freie“ Arbeit, sondern über jene Arbeit, die Menschen organisiert in einem System gegen Geld entrichten, für eine bestimmte Leistung einen mehr oder minder hohen Lohn erhalten.

Um zunächst im „System“ zu bleiben: Wer oder was legt eigentlich fest, wie hoch ein Lohn zu sein hat, sein darf? Wonach bemisst sich der Wert einer Leistung? Warum verdient eine Krankenschwester, die sich aufopferungsvoll um ihre Patienten kümmert, nicht genauso viel wie ein Chefarzt? Was unterscheidet die Verdienste an der Allgemeinheit etwa eines Lehrers in einem Wormser Gymnasium von denen des Vorstandsvorsitzenden eines DAX-Konzerns?

Alles in allem: Worüber sprechen wir eigentlich?

„Arbeit“ im Verständnis unseres speziellen Themas ist bezahlte, abhängige, ganztägige und außerhäusliche Vollerwerbstätigkeit, in ihrem Entstehen untrennbar verbunden mit der Industrialisierung, in ihrer aktuellen Befindlichkeit Hätschelkind des Sozialstaats und seiner Funktionäre, die sich mit dem vielbeschworenen „Recht auf Arbeit für alle“ freilich seit Jahren überheben, ihre Glaubwürdigkeit und die ihrer Politik von Wahlkampf zu Wahlkampf immer mehr verspielend. In ihrem Kern wäre Erwerbstätigkeit letztlich reduzierbar auf die physikalische Formel von „Leistung“: Kraft mal Weg durch Zeit. Entsprechend ist das Signum dieser Erwerbsarbeit eine möglichst hohe Effektivität in möglichst kurzer Zeit.

Erwerbsarbeit ist aber auch immer „entfremdete Arbeit“ insofern, als der „Arbeiter“ eingeklinkt ist in einen arbeitsteiligen Fertigungsprozess, zu dessen Funktionieren er routiniert zu wohldosierten Zeiten seinen Beitrag leistet, ohne dem Endprodukt sein persönliches Gepräge geben zu können. „Selbstentfremdung“ heißt das damit verbundene Mega-Thema seit Karl Marx. Und geradezu schwärmerisch, dabei begrifflich scharf wie kein anderer vor ihm und nach ihm, hat Marx auch von der anderen Arbeit geschrieben, von jener Arbeit, die mit Schaffen, mit Schöpfung zu tun hat. Im Finale: der sich Kraft seiner Arbeit selbst erschaffende Mensch – darin Ernst Jünger vergleichbar, der ja bekanntlich kein Marxist gewesen ist.

Diese Arbeit meint Zweierlei: den Prozess und dessen Ergebnis. Erhalten geblieben ist dieser gleichermaßen prozess- und ergebnisorientierte Arbeitsbegriff im Milieu der Künstler. Das „Oeuvre“ legt beredtes Zeugnis von der Ergebnisorientierung dieses Schaffens ab.

Man vergleiche dieses Verständnis von Schaffen nur einmal mit dem „Schaffen gehen“ aus der Alltagssprache der Erwerbstätigen. Hinter dem unterschiedlichen Gebrauch der Begriffe stecken menschliche Befindlichkeiten und Lebensmuster, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die hinter all dem stehende quasi naturrechtliche Frage ist aber eine ganz andere: Warum haben es die einen nötig, für die Erhaltung ihrer Existenz zu schuften – und die anderen nicht? Das ist eine grundlegende Frage gesellschaftsrechtlich geregelter Ordnung und eine ebenso legitime Frage, ob und inwieweit der „Gesellschaftsvertrag“ gerade unter den viel dimensionalen Gesichtspunkten der Moderne oder der „überwundenen“ Moderne einer Überarbeitung bedarf. Hinter der Frage nach der Legitimität des Gesellschaftsvertrags stehen Werte, die – um mit Nietzsche zu sprechen – „gesetzt“ oder aber zertrümmert werden können. Denn der Mensch, wir, sind die Werte-Setzer und die Werte-Zertrümmerer.

Das sind Mega-Themen, die wir hier in unserer kleinen Initiative nur streifen können, die wenigstens zu erwähnen aber ein Gebot der Redlichkeit ist.

Worum konkret aber muss es uns zu tun sein?

Terminologisch genauso wie per definitionem basiert ein jedes System auf Axiomen und ist nach außen hermetisch und nach innen totalitär. Mit der Totalität einher geht der Anspruch totaler Kontrolle. Damit verbunden: Der totale Anspruch an das Individuum. Wer sich diesem Anspruch beugt, geht im System auf, verliert seine ihm spezifisch eigene Identität und gewinnt eine systemische Identität – verbunden im Einzelfall durchaus mit einem Gefühl bequemer Behaglichkeit. Hitler lässt grüßen. Nota bene: Dito das kommerzielle System unserer Tage. Der totale Markt schließt die Freiheit des Einzelnen aus, ist zur ehernen Macht in dieser Zeit geworden und hat schon längst Gewalt über unser Leben gewonnen. Ob wir dies wollen – oder nicht. Mit der Wettbewerbs- und Kommerzialisierungsdynamik einher geht nicht nur das Auslöschen individueller sondern auch das Auslöschen ganzer kulturellen Identitäten – inklusive spezifischer Arbeitskulturen und -identitäten. Die Welt versinkt im Einheitsbrei einer Monokultur, Freiheiten ausgeschlossen. Jede individuelle Lebensregung – wenn sie denn nicht systemkonform ist – wird unterdrückt.

Der eigene Anspruch muss aber doch eigentlich der sein, sein Selbst, sein Charisma zu finden – und in dieser Selbstfindung das internalisierte, totalitäre System in sich zu überwinden, ein Humboldt des eigenen Selbst, ein Selbst-Entdecker eines spezifisch eigenen Charismas zu werden. Erziehung in diesem Sinne ist Hilfe zur Selbstentdeckung.

Aus der Überwindung des Systems wiederum erwächst eine spezifische Kraft des sich frei bewegen Könnens durchaus auch innerhalb der Grenzen des Systems. Das Charisma systemischer Grenzüberschreitung wurzelt nicht in der systemimmanenten rationalen Logik sondern in deren emotionaler Überwindung. Dann zumindest, wenn dieses Charisma nicht den Begehrlichkeiten des totalen Marktes zum Opfer fällt. Markantes Beispiel eines solchen Opfers: Michael Jackson, dessen charismatische Bühnenpräsenz und dessen partielle Freiheit zum markttechnisch relevanten Produkt stilisiert wurde – über den Tod hinaus. Die Angst vor der Freiheit jenseits der Bühne führte im konkreten Fall zur totalen systemischen Abhängigkeit, kombiniert mit Zwangshandlungen bizarrster Art. Der Totalität des Systems kann deswegen nur die individuelle, die gelebte Totalität des Einzelnen trotzen. Der theoretischen, rationalen und rationellen Schematisierung des Systems halten wir unser individuell entwickeltes Schema entgegen. Und genau zu dessen Entwicklung brauchen wir die Hilfe von Erziehern, die sich selbst vom System nicht blenden lassen, einen klaren Blick auf das System als Ganzes haben – und in der Lage sind, genau dies auch zu vermitteln. Nicht von ungefähr ist demzufolge in der Geistesgeschichte der Pädagogik immer auch vom spezifischen Charisma des Erziehers die Rede. Ja, sogar der Apostel Paulus, der neutestamentliche Schöpfer des Charisma-Begriffs, verleiht dem Erzieher dadurch ein charismatisches Prädikat, indem er in seinem ersten Brief an die Korinther die Erziehung in den Rang einer Gnadengabe erhebt.

Was nun ist das Besondere am Charisma des Erziehens, dass es durch den Apostel Paulus sogar eine Würdigung in der Bibel erfährt?

In einer anderen Sprache gibt es einen wunderbaren Begriff für den charismatischen Erzieher. Der Begriff lautet: Guru. Zugegeben, der Begriff klingt uns etwas sonderbar in den Ohren. Geradezu esoterisch. Dabei heißt „Guru“ nichts anderes als „Lehrer“. Ein Lehrer, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern die Fähigkeit – zu leben, zu unterscheiden zwischen gut und schlecht – das „Böse“ als Konstrukt christlicher Sklavenmoral vermeidend – zwischen Recht und Unrecht, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Ein Guru ist ein Orientierungshelfer, ein Wegleiter, ein Sinnstifter. Damit tut er genau das, was alle charismatischen Lehrer seit Jahrtausenden getan haben und heute noch tun. Noch einmal mit der Botschaft eines Jesus von Nazareth zu sprechen: es steht geschrieben, ich aber sage Euch. Befreit Euch von den Zwängen, habt Mut, das totalitäre System in Euch zu überwinden. Begreift Euer Arbeiten als Akt der Sinnstiftung – an Euch und damit an der Gemeinschaft der Vielen.

Arbeiten an und in der Welt dient dem Broterwerb. Ja. Zweifellos. Wenn wir die großen Zusammenhänge in den Blick nehmen, unsere Einstellung ändern, kleine Korrekturen am Koordinatensystem unserer Werte vornehmen, dient unser Arbeiten aber auch dem Erhalt unserer Welt und dem Fortbestehen der Gemeinschaft der Vielen in ihr. Und genau darin besteht die Kunst charismatischer Erziehung, dass sie den außeralltäglichen Blick auf die großen sinnstiftenden Fragen im Alltag unseres Miteinanders lebbar macht. Und dies generationenübergreifend und damit – nachhaltig.

Dr. phil. Kurt E. Becker, Emmendingen im September 2009

 

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