Individuation und Sozialisation – zwei Seiten derselben Medaille

Impulsvortrag Wormser Ethik-Initiative am 19. April 2010

Seitdem Menschen in Gemeinschaften zusammenleben, ist die grundlegende Frage aller Erziehung unverändert geblieben. Wie gelingt es, den einzelnen Menschen zum lebenstüchtigen Mitglied der jeweiligen Gemeinschaft zu erziehen?

Ein Gast bei unserem Kaminabend am 6. November im Andreasstift, hatte wohl nicht zuletzt diese Frage im Blick, als er zu Recht das Stichwort „Sozialisation und Gesamtheitlichkeit des Erziehungskonzepts“ in die Diskussion einbrachte.

Wer immer sich mit diesem Fragenkomplex beschäftigt, muss sich notwendig mit dem Zustand der jeweiligen Gesellschaft, die die Lebenstüchtigkeit des Einzelnen zu Recht verlangt, verlangen kann, auseinandersetzen. Die Frage impliziert aber auch die Auseinandersetzung mit dem Bild, das wir uns vom Menschen, von uns selbst, vom Individuum machen.

Vor 2500 Jahren hat dies im umfassenden Sinn der griechische Philosoph Sokrates, nicht zuletzt auch ein charismatischer Pädagoge, getan. Das Ergebnis seines Nachdenkens: Tugend und Gerechtigkeitssinn sind im athenischen Staatswesen nicht hinreichend entwickelt, deswegen müssen die Heranwachsenden dazu erzogen werden, durch permanentes Fragen das Staatswesen zu verändern.

Wegen Verhetzung seiner Schüler musste Sokrates, einer der bedeutendsten Philosophen des Abendlandes, den Schierlingsbecher trinken.

Etwas mehr als 2000 Jahre später wurde in Frankreich nicht nur die Bastille gestürmt. Die Maximen der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – bzw. deren Fähnriche haben ein unmenschlich absolutistisches, royalistisches Staatssystem hinweggefegt und die Grundlagen moderner demokratischer Prinzipien in unsere Köpfe und Herzen verpflanzt - und unter deren inneren Widersprüchen müssten wir eigentlich jeden Tag einen neuen Diskurs anzetteln. Wie ist Freiheit mit Gleichheit zu vereinbaren? Und ist Gleichheit in Freiheit realisierbar? Und das Ganze verwirklicht unter dem Dach einer möglichst weltumspannenden Brüderlichkeit…

Wie schwadroniert Frau Merkel derzeit so nett: Freiheit in Verantwortung, Verantwortung in Freiheit… Welch wunderbare Begriffshülsen! Denn leider bleibt Frau Merkel die Antwort schuldig, was sie konkret damit meint. Genau darum aber geht es. Wir müssen konkret sagen, was hinter den Begriffen steckt.

Auch die Verfassungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika hatten Sinnvolles im Blick, als sie das „Glück des Einzelnen“ in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen rückten. Doch bereits Alexis de Tocqueville hat in seiner Analyse des amerikanischen Systems grundlegende Einwände gegen diesen Verfassungsgrundsatz vorgetragen – und wenn wir den heutigen „American Way of Life“ ansehen – zu Recht. Natürlich darf, soll und kann jeder Einzelne individuell nach Glück streben, aber eben nicht auf Kosten bzw. zu Lasten anderer Menschen. Oder wie wir es in unserer Ethik-Charta formuliert haben: Alle Menschen sollen sich frei entfalten können – aber nicht zu Lasten anderer, auch nicht nachfolgender Generationen. Frau Merkel sollte sich ein Beispiel an der Konkretheit unserer Wormser Charta nehmen.

Die Grundfrage dessen, womit wir uns auch in der Erziehung zu beschäftigen haben, ist insofern gleichbedeutend jener Frage, wie sie der irische Philosoph Edmund Burke in seinen „Reflections on the Revolution in France“ sinngemäß formuliert hat: Müssen wir den Einzelnen, das Individuum, als Gemeinschaftswesen sehen und erziehen oder aber die Gemeinschaft der Vielen auf den Einzelnen „abrichten“?

Exakt mit dieser Frage müssen auch wir uns heutzutage auseinandersetzen, wenn wir über die Erziehung und die Bildung von Menschen miteinander sprechen. Diese Welt, in die wir alle hineinwachsen, ist eine zutiefst zerrissene, ungerechte aber auch wunderlich wunderbare - Staunen und Angst machende in gleichen Maßen. So wird uns über die Medien transportiert, was minütlich zum Beispiel in Darfur passiert und es werden uns die grauenvollen Bilder der Folgen des Erdbebens in Haiti vor Augen geführt – und mit welchen „Problemen“ wir uns demgegenüber herumschlagen… Die Gegensätze könnten nicht größer sein. Und wie wollen wir mit diesen Gegensätzen klarkommen, wie die damit verbundenen Konflikte lösen?

Die Antwort ist höchst einfach: unter anderem durch Lernen. Als Verantwortungsethiker sind wir – Lernende. Wir stellen eine Frage und stehen im Einzelfall für deren richtige Beantwortung persönlich ein, wir übernehmen Verantwortung. Und zwar so lange bis eine neue Frage unsere Antwort obsolet werden lässt.

Das bedeutet aber auch nicht zuletzt, dass wir nicht nur die jeweilige Gemeinschaft der Vielen und deren jeweilige Zuständlichkeit hinterfragen müssen – wir müssen uns auch selbst als Einzelne fragen und fragen lassen, wie es mit unserer eigenen Zuständlichkeit bestellt ist. Wir sind auch Selbst-Verantwortende, selbst verantwortlich für das, was wir tun – auch im Blick auf andere und damit auf das Gemeinwesen. Denn alles in der Moderne verweist zurück auf das Individuum, auf dessen Bereitschaft, sich den Herausforderungen einer von Wissenschaft entzauberten Welt zu stellen. Und diese entzauberte Welt ist eine Welt der Freiheit. Unsere Vorfahren wollten frei sein. Wir müssen es sein, wollen wir nicht in einen blinden Totalitarismus zurückfallen. Deswegen sind wir als Einzelne gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Ob wir dies wollen oder nicht. Und wir müssen dafür das bestmögliche Rüstzeug mitbringen. Denn noch nie in der Geschichte der Menschheit war der einzelne Mensch mit vergleichbaren Herausforderungen konfrontiert wie in unserer Moderne.

Was heißt das für uns als Erzieher?

Als Erzieher, das müssen wir uns klarmachen, sind wir deswegen aufgefordert, lebenslang zu lernen. Genau dies ist die praktische Implikation von Verantwortungsethik in dieser Zeit und in dieser Welt, in der wir leben. Unter verantwortungsethischen Gesichtspunkten sind wir lebenslang lernende Erzieher und müssen genau diese Fähigkeit zum lebenslangen Lernen auch weitergeben. An die uns anvertrauten Menschen – von Kindesbeinen an. Denn die Kunst der Erziehung besteht heute darin, die richtigen Fragen zu stellen – und das Stellen dieser richtigen Fragen weiterzugeben, nachhaltig an die nach uns kommenden Generationen weiterzutragen – einen sokratischen Dialog über die Zeiten hinweg zu pflegen. Denn jede Antwort, die wir geben, kann im nächsten Augenblick falsch sein, überholt durch eine neue Frage und überholt durch neue Erkenntnisse – evoziert von neuen Fragen. Die Kunst des Fragenkönnens müssen wir als Erzieher vermitteln, damit wir auch bei der Entwicklung der Gesellschaft nicht zum Stillstand kommen und in der Lage sind und bleiben werden, die Grundlagen unserer Existenz zu hinterfragen und damit – zu sichern. Denn nichts ist gefährlicher – gerade in der Zeit, in der wir leben – als ein behaglich bequemes Ausruhen auf – eigentlich überkommenen – Antworten. Wir dürfen auch als Erwachsene nicht aufhören, wie Kinder zu fragen. Insofern tun wir gut daran, Kindern gut zuzuhören und ihre Fragen ernst zu nehmen. Indem wir genau dies tun, nehmen wir auch uns selbst ernst – und damit unsere Gesellschaft. Zumindest Vergleichbares hatte wohl auch unser Gast im Andreasstift im Blick mit seinem Hinweis auf die Frage der Sozialisation. Sozialisation und Individuation sind zwei Seiten derselben Medaille – häufig allerdings basierend auf unterschiedlichen Erziehungs- und Lebensmustern. Die Individuation zielt ausschließlich auf die Selbstverwirklichung des Einzelnen ab, die Sozialisation meint die mehr oder minder – je nach Gesellschaftsform – Internalisierung gesellschaftlicher Werte und Normen. Genau hier wäre ein Diskurs der Systeme von BRD und DDR vor 20 Jahren nach dem Mauerfall sicherlich sehr hilfreich und sinnvoll gewesen. Dieser Diskurs hat leider nie stattgefunden. Und damit ist sicherlich auch ein in Teilen sinnvoller Erziehungsansatz des alten DDR-Systems verloren gegangen. Wir mögen nämlich noch so sehr auf das Individualprinzip abheben, ohne wenigstens eine rudimentäre Form der Gemeinschaft, eine rudimentäre Form des Sozialen, eine rudimentäre Form dessen, was wir Solidarität nennen, kann kein Individuum existieren. Genau hier setzt die Frage des Verantwortungsethikers an: Wie muss das Soziale, wie muss die Gemeinschaft beschaffen sein, in die wir unsere Kinder hineinerziehen wollen?

Wir setzen in erster Linie auf Individuation. Und die kulminiert noch immer in einem unerbittlichen Leistungsprinzip. Dessen Ergebnis: Die Ellenbogengesellschaft, die ausschließlich die Erfolgreichen feiert. Und bei dieser Feier ist eines aber auf jeden Fall nicht zu erkennen: Ein Dach der Brüderlichkeit. Ein Dach der Brüderlichkeit, unter dem jene Schutz und Nähe finden können, die den Wind des Lebens nicht als laues Lüftchen sondern als kalt und mitunter unerträglich empfinden. Andererseits: Möchten Sie jede Frau als Schwester und jedermann als Bruder haben? Ganz sicher nicht. Allerdings – und dies ist die über die Zeiten hinweg bewegende Frage – muss es gelingen, ein konkretes Solidaritätsprinzip aus dem Nebel des Ungefähren oder aber aus der spirituellen Höhe der Religiosität mitten hineinzuholen in die Alltäglichkeit unseres Lebens. Genau darum geht es – auch in der Erziehung jener, die in diese Gesellschaft hineinwachsen. Exakt die Beantwortung dieser Frage konstituiert die Grundwerte jeder Gesellschaft, mag diese sich auch noch so sehr ausschließlich an oberflächlich materiellen Werten festhalten wollen. Der Mensch, das Individuum sei ein Selbstzweck, sagt uns Erich Fromm. Dieser Maxime ist grundsätzlich zuzustimmen. Und zuzustimmen ist Fromm auch, wenn er notiert, dass wir uns eine Furcht vor der Freiheit nicht leisten dürfen. Noch einmal: Wir müssen frei sein in dieser entzauberten Welt, die von uns die Übernahme von Verantwortung verlangt.

Freiheit heißt auch, sich seiner Grenzen bewusst zu werden. Aus der verwirklichten, staatlich garantierten prinzipiellen Freiheit individueller Rechtssicherheit, der negativen Freiheit im Sinne der Philosophie, müssen wir einen Weg finden zur „Freiheit zu“ – zu einer positiven Freiheit, die aus der individuellen Verantwortung heraus das gesellschaftliche Ganze in den Blick nimmt. Ein Vehikel auf diesem Weg: die Ethik, die immer einen Brückenschlag zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Sein und Sollen markiert. Gerade in einer demokratischen Gesellschaft ist dabei mit einem absolutistischen Anspruch von Ethik nichts gewonnen. In aller Regel müssen wir uns im Einzelfall auf eine Kultur der Kompromiss-Ethik verständigen und die Heranwachsenden genau in diesem Sinne erziehen.

Was also genau muss unser Anspruch als Erzieher sein? Und wie sieht die Wirklichkeit des Erziehens genau in diesem Sinn einer Kompromiss-Ethik in unserer Zeit aus? Exakt diese Fragen führen uns mitten hinein in unsere essentielle Thematik von Individuation und Sozialisation. Exakt diese Fragen führen uns aber auch mitten hinein in die prinzipielle Thematik unserer Initiative, deren Zweck und deren Ziel.

Herzstück der Initiative werden auch weiterhin die regelmäßigen Workshops bleiben – nicht zuletzt als Diskussions-Plattform mit „fakultativem“ Charakter einerseits, gleichzeitig Ideen-Generator für ALISA und unser praktisches Handeln als ALISAner andererseits.

Der Zweck der Initiative ist damit eindeutig definiert und unsere Eingangsfrage nach der Nachhaltigkeit im Erziehungsprozess weist uns dabei den Weg und deswegen würde ich auch an dieser Frage prinzipiell festhalten wollen. Fragestellungen im Einzelnen sollten wir jedoch unter dem Gesichtspunkt damit zu verbindender Ziele präzisieren:

  • Welche praktischen Konsequenzen lassen sich z.B. aus unseren Überlegungen zur Nachhaltigkeit im frühkindlichen Erziehungsprozess ableiten?
  • Wie können wir konkret an diesem Erziehungsprozess mitwirken – z.B. indem wir Rahmenbedingungen gestalten und/oder verbessern?

Exakt um diese Frage der praktischen Konsequenz unseres Nachdenkens müssen wir uns intensiv bemühen und dabei auch eine generelle Sensibilisierung des öffentlichen Bewusstseins über eine Systematisierung unserer Öffentlichkeitsarbeit anstreben. Darüber hinaus sollten wir sicherlich auch über weitere Publikationsmöglichkeiten im Rahmen unserer Initiative nachdenken – z.B. über einen Online-Newsletter, den wir an einen ausgesuchten Verteiler in Worms und Umgebung zum Versand bringen könnten, ggf. mit unserem heutigen Thema startend.

 

Dr. phil. Kurt E. Becker, Emmendingen im April 2010

 

www.ethikinitiative.de


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