Ethik im Wirtschaftsleben – Die Verantwortung der Banken

Redigierte Abschrift eines Vortrags vor den Wormser Wirtschaftsjunioren
am 31. Mai 2010

Herzlichen Dank für die Einladung. Die Initiatoren des Abends haben mir 45 Minuten zugestanden. Wenn Ihnen das zu lang werden sollte, dann fangen Sie einfach an zu buhen und dann hören wir auf und fangen mit der Diskussion an. Ich habe da keinerlei Probleme, das Ganze etwas zu verkürzen oder zu verlängern, je nachdem.

Nett von Ihnen, dass Sie gekommen sind. Im Lena-Fieber, in dem wir alle noch sind und nachdem der Bundespräsident heute zurückgetreten ist, haben wir eigentlich wichtigere Themen. Lena ist das wichtigste, an zweiter Stelle sicherlich der Bundespräsident, aber des einen Rücktritt und der anderen Erfolg haben sicherlich auch mit Ethik zu tun, und über die werden wir heute Abend ein bisschen miteinander sprechen.

Ich bin so nett als Philosoph angekündigt worden. Herzlichen Dank. Ich oute mich freilich gerne als Idioten. Und muss Ihren Mut bewundern, dass Sie heute Abend einen Idioten eingeladen haben, denn eigentlich weiß ich gar nichts. Ähnlich wie Sokrates vor 2500 Jahren sage ich nämlich, dass ich nichts weiß. Und wenn unser Thema lautet: Ethik im Wirtschaftleben, so würde ich gerne ein Fragezeichen hintendran machen. Und bei der Verantwortung der Banken machen wir auch einfach ein Fragezeichen hintendran. Denn als Antworten will ich beides a priori nicht gelten lassen. Ich will versuchen, diesen Fragen heute Abend nachzugehen und das aus der Situation des Unwissenden, also des Idioten.

Ich will Ihnen ein kleines Beispiel dieser Idiotie geben und quasi ins Volle des Lebens hineingreifen und etwas aus der Psychologie erzählen, nämlich einen kleinen Witz. Ein Kollege von mir, Watzlawick mit Namen, einer der großen Kommunikationspsychologen unserer Zeit, hat folgenden Witz über die Idiotie oder den Autismus erzählt: Kurt Becker, wie sollte es anders sein, setzt sich vor die IHK da draußen auf eine Bank und klatscht alle zehn Sekunden in die Hände. Wer kommt vorbei? Herr Kaiser? Herr Kaiser fragt: „Herr Becker, mein Gott, warum klatschen Sie alle 10 Sekunden in die Hände?“ Becker: „Ich vertreibe Elefanten.“ Kaiser daraufhin: „Hier gibt es doch gar keine Elefanten!“ Becker: „Eben!“ Angekommen?

Wir müssen uns klarmachen, dass wir alle unter Autismus-Verdacht stehen. Wir haben eine in hohem Maße begrenzte Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Kein Witz, aber eine kleine Anekdote in diesem Zusammenhang: Vor jetzt acht Jahren, 2002, ist mir in der Innenstadt von Franfurt das Auto aufgebrochen worden. Auf eine spektakuläre Art und Weise. Das Spektakuläre an dieser ganzen Geschichte ist es auch wert, dass ich das erzähle. Weil: es war mitten in der belebten Innenstadt von Frankfurt, es war Vorweihnachtszeit, die Autos waren alle angefüllt mit Geschenken und Einkaufsresultaten. Ich bin grade mal so eine halbe Stunde weggewesen und komme also zurück und mein Auto war aufgebrochen, zusammen mit vier anderen Autos. Was war passiert? Die Polizei, die mittlerweile schon eingetroffen war, hat es mir dann erzählt. Eberhard Grillparzer, als Medienwissenschaftler, hat einige Leute angeleitet und hat gesagt: „Passt auf, Leute, alle Menschen sind so Medien versessen, stellt einfach mal eine Kamera auf den Bürgersteig und dann werdet ihr sehen, jeder wird vor dieser Kamera stehen bleiben und ganz fasziniert da drauf gucken.“ Was haben die noch gemacht? Die haben nicht nur eine Kamera auf den Bürgersteig gestellt, sondern gleichzeitig den Bürgersteig abgesperrt und gesagt, hier wird ein Film gedreht. Ein Krimi sogar! Kamera, Darsteller, alles medienecht, der Herr Kaiser weiß auch, wie so etwas geht. Und dann ging einer mit einem Vorschlaghammer an vier Autos ran, hat alles rausgeräumt, was drin war, Auto mit laufendem Motor nebendran, da sind die drei Leute rein und sind davongefahren. Ungefähr hundert Zuschauer, die sich das angeguckt haben, keiner hat eingegriffen. Alle haben gesagt: Naja, es wird ein Film gedreht, toll dass wir dabei sind, sehr schön. Auch das eine Form von Autismus unserer Wahrnehmung, mit dem wir uns einfach auseinandersetzen müssen, wenn wir über uns und unsere Wirklichkeit nachdenken.

Wir alle sind also Teil eines Systems. Ja, von vielen Systemen. Das macht sich schon bemerkbar daran, dass wir alle unterschiedliche Rollen spielen. Eine jede Rolle ist mit einem System verbunden. Das heißt hinter diesem System steckt eine bestimmte Rollenwahrnehmung, ein bestimmtes Rollenverhalten, eine bestimmte Art des Umgehens mit anderen Menschen aber auch des Umgehens mit uns selbst. Und wenn wir also über die Ethik und Wirtschaftsethik miteinander sprechen, über die Verantwortung der Banken, dann steckt dahinter ein bestimmtes, festgelegtes Verständnis und Verhalten, aus dem wir im Grunde genommen überhaupt nicht rauskommen, d.h. wir sind festgelegt.

Wenn ich mir meine Wirklichkeit angucke, dann tue ich das in aller Regel mit dem Blick des Philosophen und mit jenen drei faszinierenden Fragen, die die Philosophie des Abendlandes seit 2500 Jahren bewegen. Die erste Frage ist: Was kann ich wissen? Die habe ich schon beantwortet, nämlich gar nichts. Die zweite Frage ist: Was darf ich hoffen? Dazu sage ich gleich etwas. Und die dritte Frage ist: Was soll ich tun? Das ist die eigentliche Frage, die uns heute Abend beschäftigt, wenn wir nämlich über Ethik miteinander sprechen, das heißt also über praktische Philosophie, dann sprechen wir über die Frage und die Beantwortung der Frage: Was soll ich tun?

Was darf ich hoffen? Im Grunde genommen die Frage neben dem Wissen-Können, die der Beantwortung aller ethischen Fragen vorausgehen muss. Was darf ich hoffen? Wenn Sie ein gläubiger Mensch sind, können Sie hoffen, dass Ihnen der liebe Gott ein wunderbares Jenseits bereitet: Vergesst dieses irdische Jammertal, im Jenseits wird alles besser. Ein Herrschaftsinstrument, ein wunderbares. Darüber müssen wir heute Abend nicht miteinander sprechen, sondern wir müssen darüber sprechen, dass wir als Individuen im Grunde genommen auf uns selbst gestellt sind und uns selbst Gedanken darüber machen müssen, was wir eigentlich hoffen dürfen. Ich kann Ihnen sagen, was ich hoffe. Was ich hoffen darf ist, dass Sie alle vernunftbegabte Wesen sind, das heißt, dass die Vernunft uns dazu hilft, die Zukunft zu gestalten und in dieser Hoffnung bin ich heute Abend auch hier, um mit Ihnen über Verantwortungsethik und über Ethik im Wirtschaftsleben zu sprechen. Weil die Vernunft als Grundlage unseres Zusammenseins, als Grundlage unserer Kommunikation das einzige Bindeglied ist, das uns in irgendeiner Form mit der Vergangenheit, mit der Gegenwart und der Zukunft und miteinander verbindet. Unser Vernünftigsein macht uns zu Menschen, denn nur das, diese Vernunft, unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Und mit dieser Vernunft müssen wir arbeiten. Wir sind, und das ist, wenn Sie so wollen, die Grundlage jeder Ethik in dieser Zeit, in der wir leben, aber wahrscheinlich die Grundlage aller Ethik seitdem es Menschen gibt – wir sind für unser Handeln selbst verantwortlich. Man nennt das gemeinhin Verantwortungsethik. Verantwortungsethisches Handeln heißt: Ich persönlich bin für die Fragen, die andere mir stellen, die ich persönlich mir stelle, so lange verantwortlich, so lange ich eine Antwort gebe. Verantwortungsethik und Verantwortung übernehmen hat also immer auch mit Fragen zu tun.

Denn im Begriff „Verantwortung“ steckt immer das Wort „Antwort“ mit drin. „Verantwortung“ impliziert insofern immer auch eine „Antwort“. Und eine Antwort gibt der, der gefragt wird. Wenn wir heute Abend also nach der Verantwortung der Banken fragen für diesen Schlamassel, in dem wir derzeit alle drin stecken, so müssen wir zunächst jene Fragen offenlegen, die gegebenenfalls zu einer Verantwortung der Banken geführt haben. Dass(!) die Banken Verantwortung haben, ist unstrittig. Denn in dieser kapitalmarktorientierten Welt, in der wir alle leben, sind die Finanzdienstleister diejenigen, die letztlich über Wohl und Wehe unseres Wirtschaftens – zumindest – mitentscheiden. Und – nota bene: Ich spreche hier sehr bewusst von „Dienstleistern“. Denn Banken und deren Repräsentanten sind – wohlverstanden – Dienstleister. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Im Rahmen unserer gemeinsamen Spurensuche muss ich ein bisschen weiter ausholen. Sogar weiter, als das Thema auf den ersten Blick vermuten lässt. Denn die Frage nach der Verantwortung der Banken ist eingebettet in die ganz große Frage nach der Wirtschaft und deren Ethik in dieser Zeit, in der wir leben. Und das bedarf nicht zuletzt eines Nachdenkens über die Wirtschaft im Allgemeinen und unsere menschliche Befindlichkeit im Besonderen. Ohne ein Nachdenken über dieses Allgemeine macht es nämlich keinen Sinn, die Frage nach dem Besonderen zu stellen.

Wenn wir also darüber nachdenken, was genau wir mit Verantwortungsethik meinen, müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass dazu ganz konkrete und ganz bestimmte Fragen gehören. Zum Beispiel die nach der Ethik in der Wirtschaft im Allgemeinen und der Verantwortung der Banken im Besonderen. Wenn wir uns den Kosmos dieser Fragestellung angucken, und wir gucken 2500 Jahre zurück, dann waren die Fragen damals genauso gültig und genauso relevant wie sie heute relevant sind. Am Anfang dessen, worüber wir nachdenken, steht der Begriff oikos. Ökonomie leitet sich davon ab. Oikos in der Philosophie des Aristoteles war Hauswirtschaft auf der einen Seite, das Haus, aber auch das Herdfeuer. Das heißt also die Verbindung von Haus, von umbautem Raum, von einem Ort der Menschen zum Leben und Arbeiten, das Ganze kombiniert mit einem Herdfeuer ist der Ausgangspunkt von Wirtschaft. Und das wiederum, auch das muss man sich vergegenwärtigen, ist eine Folgeerscheinung einer bestimmten zivilisatorischen oder kulturellen Entwicklung. Denn das Haus und oikos steht für ein Phänomen, das wir generell als Kultur bezeichnen oder als Zivilisation. Am Anfang aller Zivilisation also steht das Haus, steht die Wirtschaft in diesem sehr engen, sehr strengen Sinn des Wortes, als erste Stufe überhaupt in der Auseinandersetzung des Menschen mit – womit? – mit der Natur. Alle Zivilisation, alle Kultur ist gleichbedeutend mit dem Heraustreten des Menschen aus dem natürlichen Kreislauf des Lebens. Und steht insofern der Natur mit einer gewissen Distanz gegenüber. Denn wir versuchen, indem wir kultürlich unterwegs sind, indem wir ökonomisch unterwegs sind, versuchen wir, diese Natur in den Griff zu kriegen und versuchen, nicht mit sondern gegen die Natur zu leben. Das muss man sich klarmachen. Kultur und Natur sind Gegensätze, und Kultur und Natur miteinander wieder zu versöhnen ist nun das große Experiment, das wir in der Moderne unternehmen. Wenn wir heute von Ökologie sprechen, meinen wir ja auch nichts anderes als Herdfeuer und Haus, denn das steckt in diesem Begriff Ökologie genauso drin wie in Ökonomie. Und interessanterweise ist sogar der Begriff Ökologie, wenn man ihn etymologisch deutet, sogar höherwertig, weil er ein gesamtes System beschreibt. Oikonomia ist nur und nichts anderes als das „Wort“ von der Ökonomie, während Ökologie ein System des Wirtschaftens beschreibt.

Auch das, was heute gemeinhin als Finanzwirtschaft bekannt ist, oder als Kapitalmarktorientierung der Ökonomie, war Aristoteles schon bekannt vor 2500 Jahren. Es hat es Chrematistik genannt. Die Lehre von Geld. Auch die ist nicht neu. Genauso wenig wie das Spannungsfeld, in dem beide zueinander stehen. Und wenn wir gemeinsam in diesem Koordinatensystem, in dem ich gerade versuche mit Ihnen unterwegs zu sein, wenn wir gemeinsam uns fragen und darüber nachdenken: in welchem Verhältnis steht denn die Ökonomie zur Chrematistik? Dann müssen wir zunächst einmal darüber nachdenken: Was ist denn unser eigenes Verhältnis zu Geld? Was für Erwartungen haben wir denn und was für Vorstellungen haben wir denn, wenn wir von Geldwirtschaft sprechen. Und wie gehen wir selbst damit um, was für eine Erwartung haben wir insofern in denjenigen, der als Experte in Geldangelegenheiten unterwegs ist?

Damit bin ich bei der Verantwortung des Bankiers oder des Bankers, desjenigen, der im Finanzdienstleistungsgewerbe eine Rolle spielt. Und da könnte ich meinen Vortrag eigentlich auch schon beenden: Denn selbstverständlich hat dieser Finanzdienstleister, dieser Bankier, dieser Banker eine Verantwortung. Aber er hat genau die Verantwortung für die Beantwortung der Frage, die wir ihm stellen. Und wenn wir unser Verhältnis zu Geld überprüfen in diesem Alltag, in dem wir alle unterwegs sind, dann gehen wir aus zwei Gründen zur Bank: Entweder wir wollen Geld, oder wir bringen Geld zur Bank. Wenn wir Geld wollen, dann wollen wir einen Kredit haben und den zu möglichst günstigen Konditionen. Am besten zum Nulltarif. Bezahlen wollen wir für dieses Geld nichts. Wenn wir Geld anlegen, wollen wir ebenfalls etwas haben, und zwar möglichst viel Profit bzw. Rendite. Auf der einen Seite also möglichst wenig bezahlen, aber dann, wenn wir unser Geld anlegen, eine größtmögliche Rendite erwirtschaften. Und bei Letzterem vor allen Dingen: Bekümmert es Sie, wie Ihr Geld angelegt wird, wenn Sie es zur Bank gebracht haben? Würde es Sie bekümmern, wenn Sie wüssten, dass Ihr Geld in einem wunderbar strukturierten Produkt in Aktien von BP angelegt wäre. Oder geht Ihnen das am berühmten Allerwertesten vorbei? Aber es ist eine grundsätzliche Frage, über die nachzudenken sich lohnt. Denn BP-Aktien zu haben, garantierte bis vor kurzer Zeit eine maximale Rendite. Einfach deswegen, weil alle Unternehmen, die mit Energie, mit Öl zu tun haben, selbstverständlich Unternehmen sind, die in dieser Welt, in dieser Zeit, in der wir unterwegs sind, reüssieren. Denn am Anfang aller Wirtschaft steht die Energie. Ohne Energie funktioniert nichts. Ich hab so ’ne nette Sendung gestern Abend gesehen, wo die Amerikaner gefragt worden sind: Wie furchtbar finden Sie das denn, was im Golf von Mexiko passiert? Ja das ist alles ganz schrecklich. Und dann fahren sie auf ihren Harleys davon oder in ihren dicken Autos und sagen, ja, das ist alles ganz schrecklich, aber viel schrecklicher wäre es noch, wenn wir kein Öl mehr hätten. Wenn wir die dicken Autos nicht mehr fahren könnten. Da ist dieser unglaubliche Konflikt zwischen Ökologie, der Natur auf der einen Seite und auf der anderen Seite zwischen dem, was kulturell, was zivilisatorisch, was ökonomisch das gute Leben ist. In diesem amerikanischen Sinn des Wortes: the pursuit of happiness, das heißt die Verfolgung persönlicher Glückseligkeit als Verfassungsgrundsatz, heißt im praktischen Leben, sich selbst ein Recht auf Energieverschwendung einzuräumen.

Die Zivilisation, meine Damen und Herren, die Zivilisation so wie wir sie denken und so wie wir sie angefangen haben, wohlgemerkt vor ein paar tausend Jahren, die Zivilisation läuft Gefahr, in einer Sackgasse zu enden. Und wir müssen uns immer wieder klarmachen, und nun kommt dieser ökologische Aspekt, wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass die Erde, dass dieser Planet, uns nicht braucht. Die Erde braucht uns nicht, wir brauchen die Erde. Und wir sind dran, diese Erde aus in hohem Maße eigennützigen Motiven, ich will nicht sagen schon früher in die Sonne zurückzuschicken, wo sie vielleicht in zwei Milliarden Jahren tatsächlich landen wird, aber wir sind dabei, das Fundament, auf dem wir alle stehen, buchstäblich und systemisch zu zerstören. Es ist völlig egal, welche Meldung Sie nun im Fernsehen oder im Radio hören – jeden Tag kommt irgendeine kleine oder größere Umweltkatastrophe auf uns zu, und wir alle müssen uns darüber im Klaren sein, dass das, was da passiert ist, etwas ist, was wir selbst entweder in Gedankenlosigkeit oder in der Art und Weise, wie wir unsererseits auch meinetwegen auch mit den Realitäten dieses Lebens umgehen, was wir mitverschuldet haben oder mit verursacht haben durch unser eigenes Verhalten. Das ist eine Realität. Genauso muss man sich klarmachen, dass all das, worüber wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt so empört sind, nämlich dass wir wirtschaftlich an der Wand stehen, dass wir finanzwirtschaftlich an der Wand stehen, dass wir mit dem Rücken an der Wand stehen, dass dieser Staat, wir, Milliarden von Schulden aufgetürmt haben, die Sie, Ihre Kinder und deren Kinder mit Sicherheit werden nicht abbezahlen können. Das ist etwas, was wir mitzuverantworten haben. Das ist etwas, was wir unsererseits zumindest nicht verhindert haben, sondern wir haben es zugelassen, dass das passiert ist. Und da können wir uns noch so sehr zurücklehnen und sagen: Ja, das haben wir nicht gewusst. Unsere politischen Verantwortlichen…. Meine Damen und Herren, wir haben diese Leute alle gewählt. Es ist unsere Regierung. Der Souverän sitzt hier, Sie sind der Souverän. In demokratischen Staaten ist das ganz einfach so, dass das Individuum, der Einzelne, verantwortlich ist für das, was passiert. Die Summe aller Menschen, die in Deutschland leben, ist Deutschland. Das heißt: dieser Staat sind Sie. Und Sie legen Ihrerseits fest, indem Sie entweder zur Wahl gehen oder nicht zur Wahl gehen: wer in Deutschland regiert und wer die Finanzpolitik macht und wer wo wofür Geld ausgibt.

Nun haben wir es nicht nur mit einem sehr begrenzten finanzpolitischen Schlamassel zu tun, der sich auf Europa konzentriert, sondern die ganze Geschichte hat ja globale Ausmaße. Und auch das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen: an diesem globalisierten Feuer der Ökonomie oder an dieser globalen Ökonomie können wir uns entweder wärmen, oder wir können uns kräftig die Finger verbrennen. Und wir sind momentan dabei, uns ganz kräftig die Finger zu verbrennen. Das hat viele, viele Gründe, viele Ursachen. Aber vielleicht ganz kurz ein Satz zu dieser Globalisierung.

Die Anfänge dessen, was wir heute Globalisierung nennen, finden sich bereits in der Seefahrt und dem damit verbundenen transnationalen Handel vergangener Jahrhunderte. In seiner modernen Ausprägung geht das Phänomen Globalisierung zurück auf die erfolgreiche Installation des ersten Nachrichten-Satelliten im Weltraum. Seither gibt es globale Vernetzung von Informationen und Informationsströmen: Eine Allzeit-Präsenz von Daten und Datensätzen.

Diese virtuelle, von Menschen geschaffene Wirklichkeit hat schnell eine revolutionäre Eigendynamik gewonnen und unseren Blick auf die Welt in einer fundamentalen Art und Weise verändert.

Diese globale Allzeit-Präsenz, dieses globale Allzeit-Jetzt, wie könnte dies anders sein, hat Begehrlichkeiten geweckt – bei den Repräsentanten einer weiteren virtuellen Wirklichkeit, der des Geldes nämlich. Der Verein dieser beiden Wirklichkeiten, der der Information und der des Geldes, wurde durch die Politik ermöglicht. Denn die Liberalisierung der Kapitalmärkte, machen wir uns diesbezüglich nichts vor, war ein Akt politischer Willensbildung und Entscheidung. Und die sich selbst dynamisierende Kraft dieses Vereins gleicht einem Perpetuum mobile – ohne Lenker und ausschließlich mit Gelenkten.

Es kommt hinzu, dass dieses von der Politik gewollte und eröffnete globale Casino Spieler hervorgebracht hat, die an die Unfehlbarkeit der Mathematik glauben und auf der Suche nach der Weltformel für die Kapitalmärkte sind. Allerdings setzt diese – im ursprünglichen Sinn: – Rationalisierung der Welt unerhörte Kräfte frei. Um mit Max Weber zu sprechen: Mit der Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft wird deren Wiederverzauberung durch Scharlatane jedweder Provenienz Tür und Tor geöffnet. Denn der Mensch will glauben – auch wenn das Geglaubte substantiell noch so absurd sein mag.

Dabei liefert die schiere Größe dieses Kapitalmarkt-Universums mit all seinen Widersprüchen und Konflikten eine wunderbare Tummelwiese für Spieler und ist gleichzeitig der Ausweis von dessen Unkontrollierbarkeit. Im Klartext: Die Welt des Kapitals ist eine globale Welt.

Das Allzeit-Jetzt dieser globalen Welt bedeutet: Wir wissen in jedem Augenblick, was irgendwo auf diesem Planeten passiert. Wir erfahren es jetzt in diesem Augenblick. Das heißt wir leben in einer 24-Stunden-Welt. Und dieses Allzeit-Jetzt verbunden mit dieser globalisierten Finanzwelt. Den globalisierten Börsen. Wenn in Tokio die Sonne aufgeht und dort die Börsen öffnen, schlafen wir natürlich noch, aber diejenigen, die sich mit der Finanzwelt beschäftigen, also die Broker und die Analysten, die schlafen nicht, sondern die leben in einem 24-Stunden-Rhythmus. Und verfolgen selbstverständlich, was rund um den Globus passiert, wie sich die Finanzmärkte entwickeln usw. All das haben wir nie verhindert. Wir haben gesagt: Jawohl, das wollen wir, das brauchen wir, das ist unbedingt notwendig zur Globalisierung dieser Welt und zu einem steten Fortschritt. Und wir haben dabei ganz einfach einiges aus den Augen verloren und einiges vergessen, nämlich: dass das Geld nichts anderes ist als ein Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck. Schauen Sie: Vor 25/30 Jahren hat man noch hochachtungsvoll von Bankiers gesprochen. Der Bankier, ein wunderbares Wort. Bankier, lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen. Bankier, lautmusikalisch klingt das ganz toll. Setzen Sie den Banker heute daneben. Banker. Die Brutalität dieses Wortes ist durch nichts zu überbieten. Das heißt, diese Entwicklung vom Bankier zum Banker hin ist gleichbedeutend einer kulturellen Entwicklung, die sich nicht tatsächlich vollzogen hat. Sondern die sich in unserem Bewusstsein, in unserer Sprache vollzogen hat.

Die Idiotie, von der ich vorhin gesprochen habe: unsere Wahrnehmung der Realität hat sich geändert. Und die Wirklichkeit. Unsere persönliche Wirklichkeit. Die hat sich geändert. Unsere Einstellung zu den Dingen sich geändert. Die Einstellung zu dem Finanzwesen. Das hat sich geändert. Der Banker von heute ist das gleiche Wesen wie der Bankier vor 25/30 Jahren. Ein Finanzdienstleister. Und hier gilt es, diesen Begriff der Dienstleistung ein bisschen näher zu untersuchen. Diesen Begriff der Dienstleistung ein bisschen ernster zu nehmen und sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass wir in dieser Dienstleistungsgesellschaft alle zu einem bestimmten Zeitpunkt sowohl Kunde als auch Lieferanten sind. Das heißt wir werden daran gemessen, jeder von uns auf seine Art und Weise – ob Sie nun Wein herstellen oder ob Sie Cola herstellen oder ob Sie als Finanzdienstleister unterwegs sind, ob Sie Folien produzieren oder sonst irgendwas – dass Sie just in time zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas abliefern und Ihren Kunden zufriedenstellen. Das heißt, dass Sie als Lieferant in der Lage sind, eine bestimmte Dienstleistung 100%ig zu erfüllen. Und die Frage, die man sich natürlich stellen muss, ist, ob für diese Dienstleistung, wenn man dies in geldwerten Dingen misst, es wirklich sinnvoll ist, einen Investment Banker mit einem exorbitanten Honorar zu entlohnen dafür, dass er ganz einfach in diesem geldwerten Kreislauf diese Spirale weiter nach oben treibt. Im marxistischen Sinne ist das etwas, was uns sicherlich die Galle überlaufen lässt, wenn wir es ernst nehmen und uns immer wieder vergegenwärtigen, dass eine vernünftige Leistung auch vernünftig bezahlt werden muss. Aber auch da gilt es nicht nur allein, diejenigen jetzt an den Pranger zu stellen, die zu Recht dafür gerügt werden, dass sie vielleicht zu viel Kohle einstreichen für das, was sie tun. Auch gilt es festzuhalten: Wir verhindern das nicht. Sie verhindern es nicht. Und ich verhindere es nicht. Wir verhindern nicht, dass ein Fußballer ich weiß nicht wie viel Geld verdient. Und wir verhindern es auch nicht, dass Lena, diese wunderbare Dame, die gerade diesen Eurovision Song Contest gewonnen hat und uns alle in ein Lena-Fieber ausbrechen lässt, eine Kommerzialisierungsmaschine zum Laufen bringen wird, die jeder Beschreibung spottet. Die wird alles übertreffen, was es wahrscheinlich bislang in Deutschland gegeben hat. Gigantisch. Da muss man kein Prophet sein, um das vorauszusagen. Die Konsequenz daraus ist eine in hohem Maße einfache. Wir treiben ein anderes Momentum, so will ich mal sagen, dessen voran, was den Menschen natürlich auch auszeichnet oder ausmacht. Das Momentum des Spiels. Der Einfachheit. Botschaft Lenas: ich muss nix lernen. Ich muss nur unbekümmert singen, stehen und schauen.

Es war Einstein, der gesagt hat: Gott würfelt nicht. Mag sein, dass das so ist. Das muss mich nicht weiter bekümmern, wenn ich auf diesem Planeten im Alltag unterwegs bin, ob Gott würfelt oder nicht. Aber eines weiß ich: nämlich der Mensch würfelt. Der Mensch ist eine Spielernatur. Und auch das ein Begriff aus der Philosophie. Und dieser quasi metaphysische Spielbegriff der Philosophen, angefangen von Heraklit über Sokrates, Nietzsche bis hin zu Huizinga in der heutigen Zeit, dieser metaphysische Spielbegriff der Philosophie wurde heute in die virtuelle Wirklichkeit einer globalen Casino-Mentalität übertragen. Das heißt in dieser virtuellen Wirklichkeit des Geldes, in dieser globalen, virtuellen Wirklichkeit des Casinos wird pausenlos gespielt. Und wir wissen, dass gespielt wird. Und wir lassen es zu, dass gespielt wird. Wir verhindern es nicht, dass gespielt wird. Im Gegenteil: Im Einzelfall sind wir sogar Profiteure, einfach deswegen, weil wir eine riesige Rendite einstreichen und das alles ganz toll finden. Jeder spielt dieses Spiel nach dem Motto: Erlaubt ist, was der Richter nicht ausdrücklich verbietet. Das heißt nicht, dass es keine Regeln gibt. Nein. Sondern die spielen dieses Spiel solange bis irgendeiner kommt und sagt: Das ist nicht in Ordnung. Nur wann passiert das? Wann raffen wir uns dazu auf und sagen: Das ist nicht in Ordnung. Wann zerren wir jemanden, von dem wir überzeugt sind, dass er die Regeln nicht einhält, wann zerren wir den vor den Kadi, sodass überhaupt mal einer sagen kann, ein Richter überhaupt sagen kann: Mein lieber Freund, bis hierhin und nicht weiter. Das heißt, wir lassen es zu. Und dadurch, dass niemand vor den Richter gezerrt wird, ist im Prinzip alles erlaubt.

Das ist der eine Aspekt. Der zweite ist der, und auch das muss man sich vergegenwärtigen, diese Situation, die wir heute erleben, ist auch nicht neu. Denn Beutekapitalismus gibt es, seitdem es Menschen gibt. Und in diesem modernen Sinn des Wortes gab es ihn auch bereits schon im 19. Jahrhundert in Amerika. Und es war ein Pfälzer, der den ersten beutekapitalistischen Raubzug gestartet hat, als er auf das Kapital oder die Aktiengesellschaft der Northern Pacific Railroad einen Beutezug gestartet hat und dort in einem Handstreich quasi das gesamte Aktienkapital gekauft hat. Henry Villard hieß dieser Mensch übrigens, der sich auf diese Art und Weise ein gigantisches Vermögen verschafft hat. Auch das also alles nicht neu. Dieser Raubkapitalismus – das ist kein Begriff übrigens von mir, sondern von Max Weber – also dieser räuberische Kapitalismus ist auch nicht neu. Auch das ist etwas, was uns über die Jahrzehnte, über die Jahrhunderte hinweg begleitet hat. Und über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg hat keiner gesagt: also bis hierhin und nicht weiter, meine lieben Freunde. Sondern alle haben in dem Spiel mitgespielt, auch wir haben dieses Spiel mitgespielt. Auch das muss man sich klarmachen.

Niemand hat den Bankern gesagt: Bis hierhin und nicht weiter. Niemand hat dem Henry Villard damals gesagt: Nein, nein, das ist ethisch nicht vertretbar. Sondern das lief einfach, das Spiel. Wurde angetrieben. Wir leben in einer Welt, die wir selbst zu verantworten haben. Der Mensch sei des Menschen Wurzel, hat Karl Marx formuliert. Der Mensch ist des Menschen Wurzel. Alles, was wir tun, alles was wir sind, haben wir verursacht. Wir sind diejenigen, welche. Und wir haben auch den Kapitalismus, dessen moderne Spielart verursacht und zugelassen. Und dieser bereits zitierte Max Weber hat Anfang des letzten Jahrhunderts bereits gefragt: Was passiert eigentlich geistig seelisch mit den Menschen, wenn wir dieser Dynamik des Kapitalismus nicht Einhalt gebieten, sie nicht aufhalten? Die Antwort Webers auf seine von ihm selbst gestellte Frage ist oft zitiert worden und ich zitiere sie auch: „Fachmenschen ohne Geist“ hat Weber gesagt, „Genussmenschen ohne Herz. Dies Nichts bildet sich ein, eine nie erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Können wir an den Spiegel heften. Wenn wir uns nämlich vergegenwärtigen, welche Chancen wir haben, welche Möglichkeiten der Information wir haben, wenn wir uns vergegenwärtigen, welche Einflussmöglichkeiten wir haben, und wir sehen, was aus dieser Welt, aus dieser Wirklichkeit, in der wir unterwegs sind, geworden ist bzw. was wir zulassen, dann müssen wir natürlich schon sagen, zurückblickend auf das, was wir als Menschen angefangen haben, als wir versucht haben, die Natur zu überwinden, um damit deren Unwirtlichkeiten zu begegnen und dann herausgetreten sind, wie ich schon sagte, aus diesem Kreislauf des natürlichen Lebens, müssen wir uns schon fragen: Geht das alles nicht ein bisschen zu weit? Und ist das nicht eventuell etwas, um mit Goethes Faust zu sprechen, was eventuell Teufels Werk ist? Auch Goethe lässt seinen Faust ähnlich Sokrates, der sich zur Idiotie bekannt hat, auch Goethe lässt seinen Faust Folgendes sagen, diesen berühmten Faust-Monolog, den Sie wahrscheinlich in der Schule alle mal gelesen haben: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an der zehn Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum“ (jetzt kommt der wichtige Satz) „und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen!“ In der Tat, wir können nichts wissen. Alles Wissen basiert auf Axiomen, auf Annahmen. Es gibt keine Garantie. Wir leben in einer absolut unsicheren Welt. Und diese Unsicherheit, in der wir leben, ist unvermeidlich. Aber die Unvermeidlichkeit, unser Schicksal sozusagen, ist auch gleichzeitig eine Herausforderung an unseren Verstand, an unsere Vernunft: Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass man sich an diesem globalen Feuer der Ökonomie die Hände verbrennen kann, wie ich vorher schon gesagt habe, oder dass dieses globale Feuer der Ökonomie uns alle wärmt. Und zwar die, die in unserer Nähe sind, aber auch die Fernsten. Denn das ist das Ergebnis der globalen Ökonomie. Dass die Systeme sich so gegenseitig durchdringen, dass in dem Augenblick, wo hierzulande etwas passiert, die Auswirkungen am anderen Ende der Welt wahrnehmbar sind, Folgen haben. Diese globale Vernetzung heißt, dass diese Systeme sowohl zeitlich als auch physikalisch zusammenhängen. Und Ursache und Wirkung nicht mehr voneinander zu trennen sind. Das heißt wir leben in einer Welt – Heisenberg hat dies einmal die „Unbestimmtheitsrelation“ genannt – wir leben in einer Welt, in der es keine festen Standpunkte gibt. Und da, wo es keine festen Standpunkte mehr gibt, gibt es auch kein Entweder/Oder. Keine Alternative. Sondern es gibt nur ein Sowohl/Als auch. Wir sind in einer Welt des Sowohl/Als auch unterwegs. Als Manager, als verantwortliche Unternehmensführer wissen wir sehr genau, dass im Prinzip alles möglich ist. Die Frage der Kontingenz, die Frage, dass alles, was ich denken kann, ich auch irgendwann realisieren kann. Und sogar das, was undenkbar ist, ist realistisch. Und wenn wir das reduzieren auf die Frage, die uns hier heute Abend bewegen muss, nämlich die Frage danach, wie wir mit ethisch im Wirtschaftsleben unterwegs sind, dann müssen wir den homo oeconomicus in den Blick nehmen.

Der homo oeconomicus ist seines eigenen Selbst entfremdet, marionettenhaft von außen gesteuert, seiner individuellen Mitte verlustig und ohne Tiefe. Er ist Projekt und Produkt des Marktes in einem – und nicht mehr. Seit Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation wissen wir vom Einfluss des Beobachters auf das Beobachtete. Um es psychologisch zu pointieren: Unter Beobachtung verändern Menschen ihr Verhalten und damit sich selbst. Daraus schlussfolgernd können wir den Einfluss seelisch atomisierter Individuen auf die allgemeine menschliche Befindlichkeit diagnostizieren. Und wenn Einstein für Gott noch reklamierte, dass dieser nicht würfele, so gilt dies für den Menschen nicht: Der Mensch nämlich würfelt. Seine Spielcasino-Mentalität hat sich in allen Bereichen des menschlichen Lebens ausgebreitet. Die Eindimensionalisierung des Ökonomischen durch den Kapitalismus moderner Prägung, Max Weber zufolge die schicksalhafteste Macht in unserem Leben, hinterlässt gravierende Spuren: Zu Recht notiert Erich Fromm, dass der so genannte „Realismus“ unserer Zeit ein Komplement zum Irrsinn sei. Dabei hat auch Ökonomie etwas mit Seele zu tun, wie wir seit Aristoteles wissen. Eine Erkenntnis, die wir seit der „Erfindung“ des Konsumismus durch dessen Marketing-Experten systemisch instrumentalisieren. Zurück bleibt – ein Kaleidoskop seelischer Fragmente: Spielball unterschiedlichster Interessen in allen Bereichen des öffentlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und privaten Lebens in unserer Zeit. Essentiell in seiner Bedeutung in diesem Zusammenhang ist fraglos der homo oeconomicus. Dessen „Markt“ im umfassenden Sinn des Wortes ist einer der logischen Endpunkte des zivilisatorischen Entzauberungsprozesses, den Max Weber aus universalhistorischer Perspektive beschrieben hat, und er ist gleichzeitig Wendepunkt, weil er seine Teilnehmer in eine eingebildete oder aber tatsächliche Wiederverzauberung entlässt. Marketing-Strategen und Werbemacher suggerieren ihren Adressaten mit psychologisch geschulten Techniken die Teilhabe am immer lebendigen Mythos der Glückseeligkeit, Schönheit, Gesundheit und des langen Lebens. Und fraglos: Wir leben in einer alles und jeden einbeziehenden Konsumgesellschaft – und deren Opfer ist an vorderster Front die menschliche Seele. Dies ist eine Tatsache. Um es auf den sophistischen Punkt zu treiben, wäre zu ergänzen, dass die Omnipräsenz des Konsums auch die Konsumkritiker bereits einschließt. Konsumkritische Aussteiger sind schon längst als veritable Nischen entdeckt worden, mit denen sich gutes Geld machen lässt.

Der alles bezwingenden Macht der Kommerzialisierung kann sich, so scheint es, niemand mehr entziehen. Quasi von Kindesbeinen an werden wir zu Konsumenten „abgerichtet“ – und diese Abrichtung impliziert den Zwang, dies oder jenes kaufen zu müssen. Hauptsache, der Rubel, Euro oder Dollar rollt. Die Währung ist den Croupiers relativ gleichgültig. Auf jeden Fall ist dieses Roulett der Kommerzialisierung gleichbedeutend einer Relativierung aller bestehenden Werte, Ordnungen und Traditionen. Das Lena-Fieber grassiert. Der Mensch als Konsument gilt der Kommerzialisierungs-Maschinerie nur dann wirklich etwas, wenn er diese am Laufen hält. Und am Laufen hält er sie mit – Geld. Damit sind wir beim alles beherrschenden „Wert“ unserer Zeit angelangt – dem Geld, eben. Und damit auch bei jenen, die mit diesem Geld handeln, den Bankern – und deren Verantwortung. Und indem wir darüber nachdenken, was wir den Banken zubilligen, sprechen wir auch über unsere persönliche Verantwortung im Zusammenhang mit dem lieben Geld. Welche Verantwortung haben wir, wenn wir mit Banken oder mit den Repräsentanten von Banken sprechen? Dann heißt das in jedem Einzelfall: Wir, wir, wir, wir sind verantwortlich. Ich bin verantwortlich, Sie sind verantwortlich. Es gibt keine Möglichkeit, diese Verantwortung zu delegieren. Wir sind der Souverän. So wie wir jetzt den Eurovision Song Contest gewonnen haben, wie wir vor ein paar Jahren Papst geworden sind – man vereinnahmt das ja gerne so für sich. Heute sagt wahrscheinlich keiner: Wir sind Bundespräsident. Weil der Bundespräsident, wie wir wissen, gerade zurückgetreten ist. Der Herr Köhler hat sich Fragen gestellt, er hat diese Fragen beantwortet und für sich persönlich eine Schlussfolgerung gezogen, die heißt einfach: Mag ich nicht mehr, hab ich einfach keine Lust mehr. Und ich habe Verständnis dafür. Man wird ihm unsäglich viel vorwerfen, aber – und das ist etwas, was man sich auch wieder vergegenwärtigen muss: die Komplexität auch der von uns geschaffenen Welt, in diesen westlichen Demokratien, in denen wir unterwegs sind, ist sehr schwierig zu durchdringen und macht politisches Handeln außergewöhnlich schwierig. Man hat bereits in den 60er Jahren im letzten Jahrhundert von der Unregierbarkeit der Industriegesellschaft gesprochen. Das gilt mehr denn je. Das heißt: die Frage in der Tat ist, inwieweit denn diese Industriegesellschaft mit all ihren Wurmfortsätzen auch in die Finanzwirtschaft hinein, inwieweit die noch steuerbar ist? Und die große Frage, die sich im globalen Maßstab stellt, ist: Inwieweit ist diese Industriegesellschaft, diese westliche Zivilisation, inwieweit ist sie noch wettbewerbsfähig gegenüber dem, was man gemeinhin Staatskapitalismus meinetwegen in China zum Beispiel nennt. Ich würde auch da wieder ein großes Fragezeichen hintendran setzen wollen.

Ich bin ja, wie ich Ihnen eingangs schon sagte, in erster Linie als idiotisch Fragender und nicht als klug Antwortender unterwegs. Also die grundsätzliche Frage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, ist: Wie kriegen wir dieses Problem reduziert jetzt mal auf das, was mein Thema für heute Abend: „Die Verantwortung des Bankers“ angeht, wie kriegen wir das in den Griff? Und da schlage ich den Bogen zu unserer kleinen Initiative, zu der Wormser Ethikinitiative, die wir vor rund einem Jahr gegründet haben, und ALISA, der Alexandra Lang-Initiative Schüler und Arbeitswelt, die wir schon vor ein paar Jahren – vor fünf oder sechs Jahren – gegründet haben. Der Zusammenhang ist in hohem Maße einfach. Sie haben nämlich unter anderem auch eine Verantwortung als Pädagogen, wie Sie da sitzen. Sie alle sind Führungskräfte in Ihren Bereichen. In dem Augenblick, da Sie Personalverantwortung haben, sind Sie Führungskräfte. Und in dem Augenblick, da Sie Personalverantwortung haben, sind Sie auch Pädagogen. Jeder von Ihnen, das muss er sich klarmachen und nicht nur dann, wenn er Eltern ist oder Vater oder Mutter, jeder von Ihnen hat eine pädagogische Verantwortung. Das ist eine Jedermann-Verpflichtung oder Jedefrau-Verpflichtung in der heutigen Zeit. In der Demokratie. Als Souverän sind wir auch souverän in pädagogischen Fragen. Und wir müssen uns einfach klarmachen, dass Erziehung in dem Augenblick anfängt, wenn ein Kind geboren wird, in die Welt hinein gesetzt wird. Und wenn wir darüber nachdenken, an welchen Werten ein Kind, das in die Welt hineintritt, erzogen wird, dann können wir uns zum Beispiel auch Gedanken darüber machen, wie denn der ideale Banker oder der ideale Bankier oder der ideale Finanzdienstleister auszusehen hat. Und wir schaffen uns quasi unsere Finanzdienstleister, unsere Banker nach unserem Willen. Niemand hindert uns daran, ein bestimmtes ethisches Motiv, ein ethisches Symbol auch für den Banker oder den Bankier, den Finanzdienstleister zu erfinden, und das in ein schulisches Curriculum zu übersetzen. Genauso wie wir uns natürlich auch Gedanken darüber machen müssen, um es ganz allgemein zu formulieren, wenn wir den Gedanken der Humanisierung dieser Welt weiterspinnen, was für ein anthropologisches Konzept, was für ein Menschenbild eigentlich in unserer Pädagogik mit drin stecken muss, damit wir zukunftsfähig werden. Was ist das Bild vom Menschen, das uns umtreibt? Was ist das Motiv dessen, was seit 2500 Jahren die Philosophen bewegt und damit natürlich auch die praktische Politik bewegt. Denn Ethik ist praktische Politik und praktische Philosophie. Was ist das, was ist der höchste Wert?

Wir können die französische Revolution bemühen: Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit. Die Begriffe schließen sich gegenseitig aus. Das müssen wir jetzt nicht diskutieren. Das eine geht mit dem anderen nicht zusammen. Freiheit und Gleichheit sind keine Brüder. Wenn ich persönlich gefragt werde, wie hältst Du’s damit? – sage ich: „Ja, klar, ich bin von meiner Gesinnung her ein Liberaler“, notwendigerweise, weil es gar nicht anders geht. Als denkender Mensch in dieser Welt und in dieser Zeit können Sie nur liberal denken. Einfach deswegen, weil alles auf Sie zurückfällt. In dem Augenblick, wo ich Verantwortung übernehmen muss, bin ich auch gleichzeitig frei. Freiheit und Verantwortung gehen durchaus auch Hand in Hand miteinander. Aber – jetzt kommt der nächste Punkt – ich bin auch sozial. Das heißt, ich muss für den anderen mitdenken, wenn ich an meine eigene Freiheit denke, denn nur dann, wenn es dem anderen gut geht, geht es mir auch gut. Eine ganz simple Formel, die man im Grunde genommen nun auch wieder durch die Weltgeschichte hindurch verfolgen kann und die eigentlich ein wesentliches Motiv, ein wesentliches Symbol dessen ist, was man gemeinhin die menschliche Vernunft nennt. Und es gibt ein weiteres großes Motiv oder großes Symbol, auch das seit 2500 Jahren und auch das etwas, was die griechischen Philosophen uns schon vorgedacht haben. Das Motiv der Gerechtigkeit. Wenn Sie vor 2500 Jahren und durch die Zeiten hindurch sich über das Gemeinwesen Gedanken gemacht haben und sich Gedanken darüber gemacht haben, wie eine Welt beschaffen sein muss, in der alle Menschen glücklich sein können, in der alle Menschen zufrieden sein können, in der vielleicht alle Menschen gleich sein können oder alle gleich frei sein können, dann denken wir über eine gerechte Weltordnung nach. Das ist ein wesentliches Motiv, das uns vorantreiben muss. Ohne Gerechtigkeit, ohne eine Idee von Gerechtigkeit geht nix. Natürlich, wir können jetzt, wie wir es heute Abend tun, in einen Diskurs darüber einsteigen, was denn Gerechtigkeit ist. Weil ich nur 45 Minuten habe und Sie nicht drei Stunden langweilen möchte, kann ich die Frage jetzt nur in den Raum hinein stellen bzw. Ihnen stellen. Sie selbst müssen sich Gedanken darüber machen, wie diese gerechte Welt auszusehen hat. Aber natürlich müssen wir einen Diskurs über Gerechtigkeit üben. Natürlich müssen wir in diesen Diskurs über Gerechtigkeit auch denjenigen einbinden, der mit unserem Geld umgeht. Unserem, ich fürchte mittlerweile höchsten Wert, den wir haben.

Bereits vor 2500 Jahren hat Aristoteles, einer der Gründerväter abendländischen Denkens und der Begründer auch eines ersten Verständnisses von Ökonomie überhaupt, den Weg gewiesen. Auch und gerade im Sinne einer „Wirtschaftsethik“, von der wir heutzutage so gerne schwadronieren, hat er sich der Frage „Was soll ich tun als homo oeconomicus?“ exemplarisch angenommen. Und in dieser „Wirtschaftsethik“ hat das Geld und damit jene, die damit handeln, einen dienenden Platz – es ist Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck. Nur so konnte die Ökonomie, zunächst um des bloßen Lebens willen entstanden, auch zum movens des guten Lebens werden. Das „gute Leben“ aber im Sinne der sokratischen Philosophie war und ist und wird bleiben ein „tugendhaftes Leben“. Und eine Rückbesinnung, gar eine Rückkehr zur Tugend, ist nur möglich über eine intakte menschliche Seele. Genau die aber steht im Zentrum einer menschheitlichen Ethik im dritten Jahrtausend christlicher Zeitrechnung, verbunden mit einer verbindenden und verbindlichen Vergewisserung, dass das Herdfeuer, der oikos, am Anfang aller „Ökonomie“ steht. Das Versammeln von Menschen aber um ein Feuer spendet nicht nur physische Wärme. Es ist die Nähe zum Nächsten wie zum Fernsten, der wir uns in der globalisierten Ökonomie bewusst werden müssen und die eine Voraussetzung dafür darstellt, dass der Prozess der Humanisierung dieser Welt weitergehen kann. Insofern ist die Wiederentdeckung des Phänomens „Seele“ gleichbedeutend der Anzettelung eines Diskurses über das Bestehende, eine nachhaltige Infragestellung der menschlichen Wirklichkeit in dieser Zeit und in dieser Welt. Wir brauchen Mut, den Konflikt mit den herrschenden Überzeugungen zu wagen.

Um noch einmal mit Faust zu sprechen. Goethe legt einer wichtigen Figur, einer Frauenfigur in seinem Faust Folgendes in den Mund: „Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles…“. Machen wir uns selbst Gedanken darüber, bitteschön, wie das in Übereinstimmung zu bringen ist mit einer Idee von Gerechtigkeit. Wenn wir das Gold oder das Geld so hochschätzen. Und wenn wir diese Frage beantwortet haben, sinnvoll beantwortet haben und damit uns auf unseren eigenen Wertekosmos besinnen, dann haben wir auch das Recht, die Banker für das verantwortlich zu machen, was sie tun. Aber das bedeutet: Wir müssen uns zunächst mal selbst an unsere Nase fassen und müssen selbst einfach mal darüber nachdenken, wie unser Umgang mit Geld und unsere Verantwortung für Geld sich bei uns niederschlagen. Und genau das, genau das sind Bildungsziele, die jederzeit in jedes Curriculum einer jeden Schule mit hineingehören. Das heißt, wir bilden und erziehen die Leute, die wir in der Zukunft haben wollen. Und unter anderem deswegen haben wir uns bei ALISA und der Wormser Ethikinitiative der Nachhaltigkeit von Bildung verschrieben. Und im Grunde genommen ist auch das genau das Motiv, was unsere Alexandra Lang-Initiative Schüler und Arbeitswelt vorantreibt. Wir wollen in der Tat versuchen, nachhaltig zu wirken, und wir wollen versuchen, diese Werte selbst – denn Ethik geht nicht ohne die Auseinandersetzung mit Werten – diese Werte, die uns wichtig sind, in die Curricula der Schulen in Worms zu übertragen und zwar durch alle Schularten hindurch.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Dr. phil. Kurt E. Becker, Emmendingen

 

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