Wormser Schulentwicklung im Gespräch

ALISA-Abend am 5. November 2010 im Wormser Andreasstift

„Prometheus oder
Revolutionspotenziale in der Pädagogik“

Mitschrift des Einführungsvortrags von Dr. Kurt E. Becker

Was ich Ihnen vortrage, reicht vom griechischen Mythos, von Prometheus bis hin in die Gegenwart, und das dauert ein bisschen.

Das ist eine ALISA-Veranstaltung. Fraglos. Das ist auch eine Veranstaltung der Wormser Ethik-Initiative heute Abend. Das ist aber auch eine besondere Veranstaltung mit einem völlig neuen Impuls in einer völlig neuen Dynamik, die wir heute Abend hier mit reinbringen. Das ist nämlich auch eine Veranstaltung von ENRESO. Hinter diesem wunderbaren Kürzel verbirgt sich Energy, Real Estate, Economy, Society. Worum es uns bei dieser Initiative geht, ist, Energieeffizienz in Immobilien hineinzutragen. Und Sponsor dieser großen Initiative ist die RWE Vertrieb AG, personifiziert in Dr. Markus Mönig, der sich heute Abend auch mit aufs Podium setzen und mit uns gemeinsam diskutieren wird.

Der Impuls vor einigen Jahren, als wir ENRESO ins Leben gerufen haben, war ein ganz einfacher. Wir wollten mit diesem Thema Energieeffizienz Pflöcke in den Boden der Energiediskussion rammen. Und wenn ich Ihnen sage, dass sich zum Beispiel vor sechs Jahren noch keine Universität für Energieeffizienz interessiert hat, und wenn man sich das heute anguckt, was sich da in der Zwischenzeit getan hat, welche Fakultäten sich dieses Themas angenommen haben - das ist ungeheuerlich und aufregend. Heute hat das Thema einen richtigen Hype, das heißt heute hat es wirklich eine immense Bedeutung und wir – und da bin ich unbescheiden genug das zu sagen – wir haben auch einen Teil dazu beigetragen, dass das so geworden ist.

Meine Aufgabe heute Abend wird darin bestehen, den Bogen fiktiv quasi über Jahrtausende zu spannen. Vom Mythos, von Prometheus, dem Energie- und Sozialrevolutionär, bis hin zur Gegenwart und den Problemen von Energie in der Gegenwart, in der wir alle leben und leben dürfen.

In meiner Kindheit hatte ich die Sagen des klassischen Altertums gelesen. Unter der Bettdecke. Und meine Helden damals waren Herakles, waren Sisyphos, Prometheus. Und wenn ich mir vergegenwärtige, wie dieser Titan Prometheus heute, wenn man so will, in den Medien kontraproduziert wird und im Kontrastprogramm ein „Pop-Titan“ wie Dieter Bohlen gefeiert wird, der heute die Kinder und Jugendlichen beeinflusst, das ist schon ein enormer Wandel, der sich in diesem Begriff „Titan“ vollzogen hat, nicht nur in der banalen Skurrilität, die wir heute mit diesem Titanen-Begriff verbinden. Prometheus als Symbolgestalt des Menschlichen schlechthin, meine Damen und Herren, und nicht nur derjenige, der als Lichtbringer, als Feuerbringer, als Kulturbringer sich in unser kollektives Bewusstsein eingegraben hat, auch darüber wird zu handeln sein, sondern Prometheus ist als Philanthrop unter anderem in erster Linie auch ein Häretiker, ein Dissident, ein Rebell, ein Revolutionär. Einfach deswegen, weil er sich gegen die göttliche Ordnung erhoben hat und gesagt hat: All das, was ihr Götter so treibt, das ist alles nicht so in Ordnung. Wir müssen die Welt neu schaffen, sie menschlich schaffen. Prometheus hat sich in der Tat gegen diese göttliche Ordnung im mythischen Nebel Griechenlands erhoben und insofern steht er auch, wenn man so will, symbolisch als erster Systemkritiker, wie man heute so schön sagen würde, als erster Systemkritiker in den Annalen der Menschheit. Der Konflikt mit dem Bestehenden war für ihn die Realität. Und in der Demokratie ist und bleibt der Kompromiss der Ausweg aus dem Konflikt. Auch insofern ist er Vorbild, denn – auch das muss man sich klarmachen, diese Demokratie, in der wir leben, braucht immer wieder das Hinterfragen ihrer Grundlagen, diese Demokratie braucht den Diskurs, das Darüber-Nachdenken über das, was ist und die Frage, inwieweit das, was ist, eventuell noch besser gestaltet werden kann bzw. verändert werden kann, inwieweit etwas gewandelt werden kann und muss. Und diese Frage dürfen wir nicht allein den Repräsentanten dieses Staatswesens überlassen.

Diese Revolte reicht zurück nicht nur zu dem Häretiker und zu dem Dissidenten, sondern auch zu dem Licht- und Kulturbringenden, zu demjenigen, der den Menschen das Feuer gebracht. Und damit sind wir beim Thema unseres heutigen Abends, bei dem Thema „Energie“ angelangt.

Wir müssen uns einfach klarmachen und uns vergegenwärtigen und verdeutlichen, dass ohne Energie nichts geht. Ohne Energie gibt es keine Kultur, ohne Energie gibt es keine Wirtschaft, ohne Energie gibt es kein Leben. Dieser große Zusammenhang – der Herr Bürgermeister und Frau Lang haben das vorher schon gesagt – dieser große Zusammenhang drückt sich natürlich durchaus auch in diesem Begriff „Energie“ aus. Man sagt, jemand ist ein - energischer Mensch. Energie steht am Anfang von allem, steht auch als Lebenskraft am Anfang von allem und ist etwas, was Aristoteles, der Gründervater der abendländischen Philosophie und Wissenschaft, seinerseits auch an den Anfang von allem gerückt hat, denn ohne Energie, ohne menschliche Energie, ohne Lebenskraft geht in der Tat nichts. Das heißt, wir müssen uns darauf besinnen, dass Energie nicht nur etwas ist, was von der Wirtschaft verbraucht wird, was wir als Nutzer verbrauchen, was wir in unseren Häusern und Wohnungen verbrauchen, sondern Energie ist etwas, was uns antreibt, was uns vorantreibt, was uns als Menschen, als Lebewesen wesentlich macht und was uns wichtig ist. Kurz: ohne Energie geht nichts.

Dieser Jahrhundert, meine Damen und Herren, in dem wir leben, ist geprägt von einem globalen Wirtschaftssystem, das – da muss man sich Klarheit verschaffen – das nur für eine kleine Minderheit von uns funktioniert, während in großen Teilen der Welt für die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt nichts geht.

Das hängt unter anderem damit zusammen, dass der größte Teil der Energie, über den wir sprechen, in den zivilisierten Ländern verbraucht wird und dort, wo die Armen zu Hause sind, dort gibt es keine Energie, weil wir diese Energie für uns brauchen, für unseren Lebensstil, für unsere Lebenshaltung. Das ist einfach eine völlig wertfreie Feststellung, über die man nachdenken kann und über die nachzudenken sich lohnt. Und man muss sich vergegenwärtigen, und auch das ist ein wesentliches Thema, mit dem man sich auseinandersetzen muss, dass in dieser globalisierten Ökonomie, die wir alle mit angezettelt haben, für die wir alle mitverantwortlich sind, wir uns alle menschheitlich am großen Feuer sitzend wärmen, aber uns auch ganz kräftig die Finger verbrennen können. Das, was wir gerade erlebt haben, die berüchtigte Finanzkrise, war ja so ein erstes Fingerverbrennen, mit einer Weltwirtschaftskrise im Gefolge.

Nun muss man sich vergegenwärtigen, dass in dieser globalisierten Ökonomie auch ein Grundprinzip gilt, von dem ich vorhin gesprochen habe, nämlich, dass Energie wesentlich auch in Immobilien verbraucht wird, und wir nach Energieeffizienz in Immobilien, in unseren vier Wänden streben müssen. Und das drückt sich auch bereits in diesem Wort aus: Ökonomie. Oikos. Oikos, meine Damen und Herren, Oikos heißt eigentlich ursprünglich Herdfeuer. Und dieses Herdfeuer ist eine Folge von Energie, die Prometheus mythisch unter die Menschen gebracht hat, d.h. er hat uns das Feuer gebracht. Auf diese Art und Weise konnte sich das Herdfeuer entzünden und um dieses Herdfeuer herum haben wir Häuser gebaut, haben wir Mauern gebaut und über Herdfeuer und Häuser haben wir im Grunde genommen so etwas wie Kultur und Zivilisation geschaffen.

Also die Voraussetzung oder der erste Schritt zu dem, was wir Kultur oder Zivilisation nennen, fängt mit dem Oikos an, mit dem Herdfeuer. Im Griechischen bedeutet oikos auch das Haus. Quasi, wenn man so will, eine Entwicklungsgeschichte charakterisierend, von oikos, dem Herdfeuer hin zum Haus, an dessen Herdfeuer wir uns in Familien, in Großverbänden oder Kleinverbänden wärmen können. Oder aber hin zu dieser globalisierten Ökonomie. An der wir uns die Finger verbrennen, wenn wir nicht aufpassen.


Nun müssen wir uns vergegenwärtigen, wie es in der globalisierten Ökonomie heute aussieht. Wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass wir konfrontiert sind, weit weg von uns konfrontiert sind, mit der größten Völkerwanderung, die die Menschheitsgeschichte jemals erlebt hat, nämlich in China. In China werden im Laufe der nächsten 10 Jahre 200 Millionen Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Die gesamte Bevölkerung Amerikas bewegt sich – man muss sich das vorstellen, einfach um sich das statistisch mal so ein bisschen zu verdeutlichen – die gesamte Bevölkerung Amerikas bewegt sich vom Land in die Stadt. Was heißt das konkret? Geht uns das etwas an, oder ist das etwas, was fernab im Osten passiert und mit uns nichts zu tun hat.

Meine Damen und Herren, das hat unsäglich viel mit uns zu tun. Einfach deswegen, weil all diese Menschen, die vom Land in die Stadt ziehen, weil diese Menschen Häuser brauchen. Diese Menschen brauchen Arbeitsplätze, diese Menschen brauchen und verbrauchen Energie. Das heißt, wir werden es in den nächsten 10 Jahren mit einer unerhörten Umverteilung zu tun haben, auch in Fragen der Energie-Ressourcen und auch des Energie-Verbrauchs auf diesem Planeten. Und das betrifft nicht nur China, weil es viele, viele andere Länder gibt auf diesem Planeten, die ähnliche Entwicklungen vor sich haben werden. Und mit diesen Entwicklungen werden wir uns auseinandersetzen müssen. Und, auch das muss man anmerken, und auch da müssen wir die Realität sehr klar ins Auge fassen, für und um Energie ist über Jahre und Jahrzehnte hinweg Krieg geführt worden. Auch unsere freundlichen Verbündeten in Amerika haben für und wegen Energie Krieg geführt. Auch das muss man sich vor Augen führen.

Und wenn wir vor unserer eigenen Haustür kehren, dann gilt auch, dass wir uns einfach klarmachen müssen, wie es mit unserer Energieversorgung in dieser Republik bestellt ist. Das ist die große Frage, wie wir unsere Energieversorgung hierzulande regeln. Wie hieß es so schön in den 60er Jahren? Dieser berühmte Witz lautete: Wir brauchen keine Atomkraftwerke, bei uns kommt der Strom aus der Steckdose.

Wohl der berühmteste Autismus-Witz, den es in der Energiepolitik überhaupt geben kann: Wir brauchen keine Atomkraftwerke, bei uns kommt der Strom aus der Steckdose. Ich will keine Diskussion um die Atomkraft anzetteln, pro oder contra, das kann nicht das Thema des Abends sein. Aber wir müssen uns eines vergegenwärtigen – und das ist ein Thema sicherlich unserer demokratisch verfassten Gesellschaft und das eint sowohl Befürworter als auch Gegner der Atomkraft. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, und das ist ein wesentliches und entscheidendes und zentrales Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen, wie wir nämlich den Atommüll entsorgen. Und wir sprechen, wenn wir über die Entsorgung von Atommüll sprechen, wir sprechen nicht über 10 Jahre, wir sprechen nicht über 20 Jahre, wir sprechen auch nicht über 100 Jahre. Wir sprechen über wenigstens 1000 oder 10.000 Jahre. Über 10.000 Jahre sprechen wir, in denen wir eine Endlagerung für diesen Atommüll herstellen müssen. Rechnen Sie einfach mal zurück, was vor 10.000 Jahren hier in diesem Landstrich, hier in diesen Breiten für Realitäten herrschten. Nun rechnen Sie einfach mal 1000 oder 10.000 Jahre voraus. Keiner kann das genau sehen, was in 10.000 Jahren hier in diesen Breiten Realität sein wird. Nicht von ungefähr gilt Prometheus auch als der Vorausdenker. Die wörtliche Übersetzung von Prometheus heißt Vorausdenker. Das heißt, in der Tat es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Gegenwart von der Zukunft her zu denken, gerade in energetischen Fragen.

Eine dieser auch wieder ganz entscheidenden Fragen in diesem Zusammenhang ist das, was wir momentan auch erleben, diese Diskussion um Nabucco, diese Erdgaspipeline, die da erst grade durch die Türkei nach Deutschland hinein gelegt werden soll. Oder wir sprechen von Energie-Autobahnen, die den Solarstrom von der Sahara hierher nach Worms bringen sollen. Da steht Naturschutz gegen Klimaschutz. Da werden gewaltige Bauten vorgenommen werden müssen, damit dieser Solarstrom von der Sahara hierher transportiert werden kann, damit wir es zu Hause hell haben, damit wir es warm haben, damit es uns gut geht in dieser sogenannten ökonomischen Welt, in der wir alle unterwegs sind. In dieser in erster Linie ökonomisch geprägten Welt.

Oder nehmen wir ein zweites Thema: Wie kommt die Windkraft von der Nordsee hierher? Wie wird diese Windkraft stabilisiert werden können? Wie kann man die lagern, wie kann man da Bestände sichern? Oder, wieder ein anderes Thema, unsere Erdöl- und Erdgasreserven lagern in Kavernen ein. In Kavernen in Friesland. Möchten Sie Ihr Haus auf so einer Kaverne stehen haben? Oder möchten Sie Ihr Haus auf einem Endlager von Atommüll in Gorleben stehen haben?

Wir werden uns diesen Fragen stellen müssen, in dieser demokratisch verfassten Gesellschaft und – nun kommt der wesentliche Punkt – und auch dafür steht Prometheus. Wir werden uns mit einem klaren Bewusstsein der Bürgerverantwortung diesen Fragen stellen müssen. Wir dürfen das nicht allein irgendwelchen sogenannten Experten überlassen. Wir müssen uns selbst eine Meinung bilden können, wir brauchen Wissen, wir brauchen Erfahrung in diesem Zusammenhang, wir brauchen Ausbildung in energetischen Fragen. Wir alle, wir alle sind der Souverän, die wir hier sitzen. Wir haben diese Fragen mit zu entscheiden, und wir dürfen dies nicht allein den Politikern überlassen, weder in den Kommunen noch in den Ländern noch auf Bundesebene. Das, was wir momentan in Stuttgart erleben, spricht da ja nun eine beredte Sprache. Es wird viele, viele andere Beispiele dieser Art in der Zukunft geben. Mein persönliches Credo ist in diesem Zusammenhang: Macht uns die Städte stark, denn dort müssen wesentliche Entscheidungen partizipativ getroffen werden. Der Staat ist überfordert und überfordert sich selbst.

Wir brauchen gut ausgebildete Leute, die sich mit diesem Thema Energie auskennen. Das ist eine Realität.

Wir sind auf dem Weg, einen ersten Schritt in eine wichtige Richtung zu tun. Der erste Schritt, darüber werden meine Kollegen jetzt sehr konkret mit Ihnen sprechen, ist etwas völlig Neues. Nicht nur in Worms. Wir sind unterwegs mit einer Bildungsinitiative bundesweit – Wolfgang Gärthe wird das gleich ausführlich erzählen – wir sind unterwegs mit einer Bildungsinitiative, die sich mit dem Thema Energie auseinandersetzt, und wir wollen in der Tat ein Modellprojekt konzipieren, das quasi Energie in den Schul- und Lehrplänen der Schulen realisiert. Wir fangen hier in Worms mit der Nibelungenschule an. Es gibt darüber hinaus – Frau Lang ja vorhin so en passant vom ALISA-Zentrum erzählt – im ALISA-Zentrum Räume, die die erste Smart School überhaupt in Deutschland beherbergen werden. Dazu wird der Herr Mönig nachher ein bisschen was erzählen. Er wird auch ein bisschen was vorführen, was man da machen kann und was wir machen werden.

Sie sind natürlich alle dazu aufgefordert und dazu eingeladen, bei diesem großen, wunderbaren Versuch, den wir machen – ich sage bewusst nicht Experiment – bei diesem wunderbaren Versuch, den wir machen, mitzuwirken und dabei zu sein und dann im nächsten Jahr, wenn es soweit ist, sich das alles anzuschauen. Im Geiste des Prometheus, der Häretiker gewesen ist, der Revolutionär gewesen ist, der die Dinge hinterfragt hat, der sie auf ein neues Fundament gestellt hat, der ein Lichtbringer gewesen ist, ein Feuerbringer, der uns gezeigt hat, wie Menschen leben, wie sie leben können, wie sie Kultur miteinander leben können, wie sie miteinander umgehen können. Das soll uns ein Beispiel sein. Nachhaltig. Im Sinne unserer Wormser Ethik-Initiative.

Dr. phil. Kurt E. Becker, Emmendingen

 

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