Wormser Ethik-Initiative am 4. Februar im Wormser Heylsschlösschen

Impulsvortrag

Energie und Ethik

Herzlich willkommen in unserem mittlerweile ja schon Tradition gewordenen Ethik-Kreis, der, wie ich feststellen darf, heute wieder sehr gut besucht ist. Und ich bin auch ziemlich sicher, dass wir mit geballter Macht und in der Kompetenz, die hier heute versammelt ist, einiges auf den Weg bringen werden.

Wir haben ja schon einiges auf den Weg gebracht. Und das, was wir heute Abend zum ersten Mal zelebrieren, ist auch ein erster Schritt in die Praxis hinein, wie von Frau Denschlag ja schon oft angemahnt. Und nun endlich ist es also soweit: Wir widmen uns praktischen Themen. Und nicht nur, dass wir in diesem Jahr ausgehend von und initiiert durch diese Ethik-Initiative ein ALISA-Zentrum bekommen im Wormser Norden. Nein, wir werden uns unter anderem auch in diesem ALISA-Zentrum, aber auch in der Nibelungenschule von Frau Zobetz dem Thema Energie widmen. Und genau dieses Thema führt uns heute Abend hier zusammen.

Ganz besonders herzlich begrüße ich Herrn Dr. Markus Mönig, der quasi als Vertreter des Sponsors heute Abend hier ist, nämlich der RWE Vertrieb AG und dort als Geschäftsführer die RWE Dienstleistungen leitet.

Um den Rahmen des Themas zu spannen: Wir haben alle dieses wunderbare, von Eberhard Grillparzer gestaltete Booklet vor uns liegen, das ja auch benutzt werden kann, um Notizen zu machen. Aber da steht auch etwas Besonderes drauf, nämlich unsere vor einiger Zeit verabschiedete Wormser Ethik-Charta. Da würde ich ganz gerne zwei kleine Absätzchen vorlesen, einfach deswegen, weil es den Rahmen gibt für heute Abend. Ich zitiere: die Wormser Ethik-Initiative und ALISA arbeiten aus diesem Grund eng mit engagierten Kräften zum Beispiel aus Wirtschaft, Wissenschaftler sind wir alle, Politik, Kultur, Sport, Bildung, Soziales und Verwaltung zusammen. Und was machen wir auf der Basis des Erfahrungsaustauschs der Mitglieder der Wormser Ethikinitiative? Wir haben gemeinsame Ziele und nachhaltige Lösungsansätze identifiziert, formuliert und umgesetzt.

Genau das ist es, was uns zusammenführt und sogar etwas, was weit über die Stadtgrenzen von Worms als Leuchtturm-Projekte hinausstrahlen soll. Hier wird heute Abend, wenn man so will, Bildungsgeschichte geschrieben und Sie schreiben sie mit, einfach deswegen, weil das, was wir heute Abend unter anderem und später dann auch mit der Nibelungenschule gemeinsam erarbeiten werden nicht nur in Worms bleiben wird und nicht nur ein Projekt, das in der Nibelungenschule einen Ort finden wird, sondern in neun weiteren Standorten Deutschlands – großen, kleinen, mittleren Städten – mit anderen Schulen zusammen. Und hier erleben wir heute Abend das geistige Zentrum dieser Bewegung, hier werden wir heute Abend festschreiben, was wir unter Energie und Ethik verstehen wollen.

Ein Wort zu den Beteiligten an diesem Großprojekt.

Das ist einmal der RWE Vertrieb, vertreten durch Dr. Mönig. Da gibt es ENRESO. ENRESO ist, wenn man so will, auch eine ähnliche Denkwerkstatt wie unsere Initiative hier und steht für Energy – Real Estate – Economy – Society. Auf neudeutsch also: Energie, Wirtschaft und Gesellschaft. Immobilienwirtschaft nicht zu vergessen. Die gehört zweifellos auch dazu, unter dem Gesichtspunkt, dass Energie eben vornehmlich in Immobilien gebraucht und verbraucht wird, deswegen Energy – Real Estate – Economy – Society. Projektpartner bei dieser Bildungsinitiative Energie, über die wir sprechen, sind die Euroschulen, vertreten hier in Personalunion sozusagen durch den Geschäftsführer der Euroschulen Organsation einerseits, Wolfgang Gärthe, aber auch gleichzeitig Mitglied unseres Vorstands bei ALISA und tätiges Mitglied auch unserer Ethik-Initiative und sicherlich also auch Spiritus Rector vieler Dinge, die wir mit dieser Bildungsinitiative und mit seinen Euroschulen auf den Weg bringen werden.

Dazu kommt unsere Wormser Ethik-Initiative. Und selbstverständlich ALISA, in deren Zentrum im Laufe des Jahres eine Smart School eingerichtet werden wird, die sich mit Energie beschäftigt, wo Kinder ausgebildet werden zu Energie-Checkern, zu Energie-Fachleuten. Und last not least sind wir dann bei der Nibelungenschule angelangt – in der Nibelungenschule wird all das umgesetzt, worüber wir heute philosophieren. Also wie gesagt eine breit angelegte Initiative, diese Bildungsinitiative Energie, gesamtdeutsch aufgestellt und der Nukleus, der Kern dieser Veranstaltung hier in Worms und heute Abend.

Und da komme ich also zu der Erkenntnis leitenden Frage des heutigen Abends nämlich: Was hat Energie mit Ethik zu tun? Gestatten Sie mir vorab noch einmal eine grundsätzliche Anlehnung an unsere Charta – mit dem Satz:

Alle Menschen sollen es warm und hell haben – aber nicht zu Lasten anderer, auch nicht nachfolgender Generationen.

Zunächst, das können wir drehen und wenden, wie auch immer wir wollen, Energie ist ein Wirtschaftsfaktor in einer Doppelfunktion: Initial dessen, was wir unsere (ökonomisch geprägte) Zivilisation nennen einerseits, ein wirtschaftliches Produkt, das den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der Herstellung, der Vermittlung und des Verbrauchs unterliegt andererseits.

Im Rahmen unserer kleinen Ethik-Initiative interessiert uns nicht – die handwerklich technische Dimension unseres Themas. Diese Dimension und deren Entwicklung hin zum Bildungsinhalt für die deutschen Bildungslandschaften werden bereits in anderen Arbeitskreisen abgedeckt. Unter anderem auch mit den Schulen, die wir als Partner ausgewählt haben, wie der Nibelungenschule, aber wir haben auch einen eigenen Arbeitskreis institutionalisiert in dieser Bildungsinitiative, ein sogenanntes Kollegium, das demnächst auch auf einer Website zu besichtigen sein wird, d.h. wir leisten da gedanklich auch schon Vorarbeit in diese Richtung. Was uns interessieren muss, ist die ethische Implikation in einem umfassenden Sinn, die mit diesem Themenkomplex verbunden ist.

Unter ethischen Gesichtspunkten gekennzeichnet wird dieser Komplex durch eine weitreichende Sektoralisierung von Verantwortung – in der Wirtschaft, genauso wie in der Politik. So hat etwa die Verabsolutierung ökonomischer Formalziele wie die Rentabilität des Kapitals, gewolltes oder zumindest in Kauf genommenes Ergebnis der Privatisierung des Energiemarktes, im Hier und Heute eindeutig Vorrang etwa vor der Grundversorgung des Bürgers mit Energie – jederzeit und zu einem vernünftigen Preis. Was diesbezüglich in Wirtschaftsunternehmen getan wird und – unter ökonomischen Maximen getan werden muss – da muss man die Kirche ins Dorf zurück holen – kann nur dann sinnvoll erörtert werden, wenn die Gesamtgesellschaftsordnung, die Rechtsordnung, die Staatsverfassung, aber auch Maximen einer verbindlichen Wirtschaftsethik in die Debatte mit einbezogen werden. Unter Gesichtspunkten der Profitabilität von Unternehmen jedenfalls gilt ja nach wie vor der Satz: Der Zweck heiligt die Mittel. Aber aus einem Unternehmen ein erfolgreiches Unternehmen zu machen, darf und kann in der vielfach gefährdeten Welt unserer Tage nicht ausschließlich an dessen Profitmaximierung gemessen werden. Auch ein Unternehmen muss sich Fragen nach übergeordneten Maximen des guten Lebens und des gerechten Lebens von uns Menschen stellen lassen.

Mit den Stichworten „gutes Leben“ und „gerechtes Zusammenleben“ öffnen sich auch gleichzeitig die beiden Grunddimensionen verantwortungsethischen Verhaltens und Handelns in unserer Welt. Gestern, heute, morgen. Etwas, was die griechischen Philosophen vor 2500 vorgedacht haben, namentlich Aristoteles, in der nikomachischen Ethik.

Fraglos: Wir leben in unsicheren Zeiten. Was gestern noch als sicher galt, steht heute infrage. Worauf, so fragen sich viele Menschen, ist überhaupt noch Verlass, worauf lässt sich bauen? Gewiss scheint nur noch eines: die Nachhaltigkeit des Wandels. Orientierung ist nicht mehr in der Einzahl zu haben, sondern nur in der Mehrzahl. Wir haben nicht zu wenige Werte sondern zu viele in dieser Welt. Und alle diese Werte kämpfen einen tödlichen Kampf miteinander, wie Max Weber schon vor einem Jahrhundert diagnostiziert hatte. Was wir brauchen, ist Verbindlichkeit im Werte-Dschungel. Nicht im Dschungel-Camp. Da vielleicht auch. Die Anzeichen jedenfalls häufen sich, dass die vertraute soziale Welt bis in ihre Fundamente hinein ins Wanken geraten ist – und dies nicht der Finanzkrise wegen. Da dürfen wir uns durch den mittlerweile wieder auf Betriebstemperatur hochgefahrenen Motor unserer Wirtschaft nicht täuschen lassen. Der nächste Crash ist zwangsläufiger Programmpunkt schrankenloser Kapitalmärkte und menschlicher Gier. Die Fragen, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben, auch und nicht zuletzt im Blick auf unsere Energie-Thematik, sind durch wirtschaftliche Prosperität allein nicht zu beantworten. Im Gegenteil: Der Wohlfühl-Effekt durch unsere gut laufende Wirtschaft vernebelt sogar unser Bewusstsein und verstellt unseren Blick für die wirklich elementaren Fragen. Und das birgt schon eine gewisse Tragik, weil es eigentlich einfacher ist, sich in konjunkturellen Hoch-Zeiten solcher Themen anzunehmen, als in einer Wirtschaftskrise. Was genau aber sind diese elementaren Fragen? Einige wenige Beispiele.

Bereits in den Sechziger-Jahren hat uns der „Club of Rome“ die Konsequenzen unserer Art des Wirtschaftens vor Augen geführt. Trotz aller Anstrengungen: Verbindlich passiert ist seither viel zu wenig, wie die einschlägigen „Protokolle“ der Weltklimagipfel mit schöner Regelmäßigkeit belegen. Einsichten Deutschlands etwa und daraus folgende Konsequenzen zum Beispiel in der generellen Frage von Energieeffizienz oder der Praxis unseres Bauens helfen im globalen Maßstab recht wenig.

Und auch hierzulande gilt: Klimaschutz ist nicht notwendig auch Umweltschutz. Wenn wir Windenergie wie geplant von der Nordsee nach Mittenwald befördern wollen oder Solarenergie von der Sahara nach Flensburg, ist der Bau von Energie-Autobahnen notwendig mit einer erheblichen Belastung unserer Umwelt verbunden.

Und last not least: Ob Kernkraftgegner oder –befürworter – einen muss uns alle die Frage der Endlagerung von Atommüll, denn genau der belastet Generationen und Abergenerationen nach uns über Jahrtausende hinweg und manifestiert eindrucksvoll die Nachhaltigkeit der Verantwortung, die wir als Menschen im Jetzt für alle absehbare und unabsehbare Zukunft übernehmen. Und übernehmen müssen. Denn bei unserem speziellen Thema verantwortet werden müssen eben die nicht vorhersehbaren Risiken von Technologienutzung und Produktverwendung. Die verbreitete Sektoralisierung von Haftbarkeit, vergleichbar der Sektoralisierung von Verantwortung, macht solchen Überlegungen aber quasi schon a priori den Garaus. Vor allem, das sei mit einem gewissen Sarkasmus nachgeschoben, als die Haftbarkeit von Individuen bekanntlich mit deren Tod endet.

Vor dem Hintergrund dieses Szenarios kennzeichnet „Überforderung“ in einem umfassenden Sinn des Wortes die Situation des Individuums in der fortgeschrittenen Industrie- und Zivilisationsgesellschaft unserer Tage. In der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte gibt es zur Beschreibung dieses Phänomens seit einigen Jahren den Begriff „Konsumerismus“. Der Konsumerismus ist aber nichts anderes als eine Fundamentalkritik nicht zuletzt an der „flexiblen“ Ethik, Erfolgsethik, unserer Marktwirtschaft. Diese Fundamentalkritik müssen wir alle ernst nehmen – auch und gerade die Unternehmen der Energiebranche.

Mit den Forderungen des Konsumerismus ist zunächst die soziale Verantwortung aller Wirtschaftsakteure angesprochen. So beruhten etwa die Umweltbelastung und der damit einhergehende Klimawandel auf einer Unterentwicklung des Umweltbewusstseins in der Vergangenheit hierzulande, in unseren Breiten, und auf einer Unterentwicklung des Umweltbewusstseins der Menschen in den Schwellen- bzw. Entwicklungsländern bis hinein in die Gegenwart. Bis ins heute. Da, wo bei uns ein Umweltbewusstsein mittlerweile zu einem Wert an sich geworden ist, sind wir in den Entwicklungs- und Schwellenländern noch weit davon entfernt. Zumindest hierzulande sind „Umweltbewusstsein“ und „Nachhaltigkeit“ mittlerweile zu „Werten an sich“ geworden, die Produktions- und Konsumprozesse von Energie verändern. Auch in der Energiewirtschaft.

Wenn wir als Ziel allen Wirtschaftens, und am Beginn allen Wirtschaftens steht immer Energie, wenn wir als Ziel allen Wirtschaftens die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse identifizieren, und zwar immer auch unter dem Gesichtspunkt von Knappheit und Management von Knappheit, so müssen wir uns fragen, wie dieses Ziel als Kanon ethischer Verhaltens- und Handlungsmaximen zu einem Bestandteil von Schulunterricht werden kann.

Genau darüber wollen wir heute Abend gemeinsam nachdenken:

  • Welche ethischen Implikationen hat das Thema „Energie“?
  • Lassen sich diese ethischen Implikationen in konkrete Maximen übertragen?
  • Und inwiefern sind solche Maximen unterrichtstauglich?
  • Wie kann in Schulen Energie-Kompetenz vermittelt werden?
Genau mit diesen Fragen wird unter anderem Frau Zobetz die nächsten drei Jahre umgehen, denn auf drei Jahre ist dieses Programm angelegt. Und dass auch ein Wandel, ein Umdenken in der Energiewirtschaft, in den Unternehmen der Energiewirtschaft angekommen ist, das belegt mein Kollege Markus Mönig jetzt gleich, der aus seiner Sicht auch noch einmal ein kleines Impuls-Statement geben wird und Ihnen einen Rahmen dessen aufzeigt, wie die Energiewirtschaft über Fragen dieser Art denkt und welche Instrumente sie auch schon entwickelt hat.

Dr. phil. Kurt E. Becker, Emmendingen


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>> zum Statement von Dr.-Ing. Markus Mönig,
Geschäftsführer RWE Energiedienstleistungen GmbH, Dortmund
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