»Ohne Nachhaltigkeit keine Zukunft.«
Dr. Kurt E. Becker

Arbeitspapier Nachhaltigkeit

Arbeitspapier Gründung

Impulsvortrag
Bindung, Prägung, Moral

Impulsvortrag
Charisma des Erziehers

Wormser Ethik-Charta
für Nachhaltigkeit in der Erziehung

Impulsvortrag
Individuation und Sozialisation

Vortrag
Ethik im Wirtschaftsleben

Vortrag
Prometheus oder
Revolutions-potenziale in der Pädagogik

Vortrag
Energie und Ethik

Vortrag
Energie-Ethik
Dr. Markus Mönig

Erklärung von Hofgeismar:
Schule ist unsere Sache – ein Appell an die Öffentlichkeit (2006)

Erklärung von Salamanca:
Weltkonferenz "Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität" (1994)

Hartmut von Hentigs Streitschrift
"Über eine Erziehung für das 21. Jahrhundert"
trägt den Titel
»Ach, die Werte!«

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WormserEthikInitiative

Wormser Ethik-Initiative

Ein Arbeitspapier für die Gründungssitzung am 13. März 2009

von
Kurt E. Becker

 

Inhalt

1. Zweck der Initiative

2. Ziele der Initiative

3. Thema

4. Fragen

 

 

1. Zweck der Initiative

Das Thema Ethik ist nicht notwendig eine Angelegenheit elitärer Philosophenzirkel oder der Selbstinszenierung intellektueller Experten in politischen, geisteswissenschaftlichen oder gar theologischen Gremien. Ethik ist eine Jedefrau/Jedermann-Angelegenheit, ein Thema, das den Bürger zum Bürgen des Gemeinwesens macht. Denn wir sind der Souverän auch in ethischen Fragen. Ob wir dies wollen oder nicht.

Als Bürgen jenes Gemeinwesens, in dem wir leben, wollen wir gemeinsam darüber nachdenken, unter welchen ethischen Prämissen ein nachhaltig gedeihliches Zusammenleben aller Menschen in dieser Gesellschaft, aber auch darüber hinaus möglich ist – geleitet dabei von der Frage, inwieweit diese ethischen Prämissen in praktische Bildungswirklichkeit übersetzt werden können.

 

 

2. Ziele der Initiative

Nachhaltigkeit als Lehr- und Lernziel möchte die Wormser Ethikinitiative herunterbrechen auf praktikable Themen und Inhalten des täglichen Lehrens und Lernens in Familie, Schule, Unternehmen und Gesellschaft. Konkrete Projekte sollen dabei den Charakter von Leuchttürmen entfalten, deren Leuchtkraft öffentlich wahrgenommen werden soll – durchaus auch über die Wormser Stadtgrenzen hinaus.

 

3. Thema

Ich habe das Thema Nachhaltigkeit auf die Agenda unserer Sitzungen gesetzt. Aus gutem Grund. Nachhaltigkeit ist zu einem abgedroschenen Schlagwort geworden – wie so vieles, was medienwirksam und publizistisch breitgetreten wird, ohne dass der Begriff auf seine Substanz abgeklopft wird. Aber dieser Begriff "Nachhaltigkeit" ist es wert, hinterfragt und diskutiert zu werden, denn wie kein zweiter steht er für die Problematik unseres Menschseins an sich. Mehr denn je.

Einige einleitende Anmerkungen dazu.

Wir haben uns aktuell angewöhnt, von einer "Wirtschafts- und Finanzkrise" zu sprechen. Dieser Terminus greift eindeutig zu kurz zur Beschreibung der Wirklichkeit unserer so und nicht anders gewordenen Welt am Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts. Auch von einer globalen Rezession zu sprechen, wie die Weltbank dies gerade tut, beschreibt das Krisenhafte des Phänomens nur sehr eindimensional. Diese Krise hat nämlich nicht nur ökonomische Dimensionen, sie ist eine Krise des Menschlichen schlechthin. Ja, Finanz- und Wirtschaftskrise sind eine Folge, nicht eine Ursache der Krise des Menschlichen.

Für diese Hypothese gibt es zahlreiche Belege, auf die wir sicherlich im Verlauf unserer Veranstaltungen im Rahmen dieser Initiative immer wieder zu sprechen kommen werden. Ein erster deutlicher Hinweis für die Richtigkeit dieser Hypothese liefert schon die Terminologie. In den Wirtschaftswissenschaften ist heutzutage zwar von Zielen, aber nirgendwo mehr vom "Zweck der Wirtschaft" die Rede. Insofern tut auch hier die Erinnerung dessen Not, was die eigentliche Substanz allen Wirtschaftens war und ist. Genau da nämlich ist die Schnittstelle zur Anthropologie, genau da wird Wirtschaft zum Essential anthropologischen Forschens.

Kein Missverständnis: Es macht durchaus Sinn, von den Zielen des Wirtschaftens zu sprechen. Ein jedes Ziel ist dabei dadurch definiert, dass es sich von den bestehenden Zuständlichkeiten durch eine irgendwie geartete "Verbesserung" abhebt. Ich nehme mir vor, innerhalb eines bestimmten Zeitraums dies und das zu erreichen. Fristen und Qualitäten also spielen bei der Zielsetzung eine Rolle. Aber eine Verbesserung eines bestehenden Zustands ist ja nicht ein Wert an sich. Essentiell und werthaltig an sich aber ist die grundsätzliche Frage nach dem "Warum" allen Wirtschaftens. Ein Ziel bzw. Ziele, dessen bzw. deren inhaltliche Austauschbarkeit liegt/liegen auf der Hand. Ein Ziel bzw. Ziele beantworten nicht die Frage nach dem Warum. Die Frage nach dem Warum aber ist nicht austauschbar, sie ist grundlegend und geht daher aller und jeder Zielfrage, der Frage nach dem Wohin, voraus.

Warum also wirtschaften wir überhaupt?

Ganz einfach: Alles Wirtschaften bezweckt die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse. Die Frage nach dem Zweck ist also nicht formal – sie ist substantiell. Das Warum allen Wirtschaftens bezieht sich auf eine grundlegende conditio des Menschlichen: aus dem Mangel (der Mensch ist ein Mängelwesen) entstehen Bedürfnisse – und die wollen befriedigt werden. Wir können auch sagen: Wirtschaften ist systematische Mangelbeseitigung.

Wenn ich also davon spreche, dass ein ökonomischer Zweck "erfüllt" wird bzw. einem Zweck genüge getan wird, dann hebe ich auf gleichzeitig ab auf die conditio humana. Unter dem Gesichtspunkt der uns in dieser Initiative zunächst interessierenden Nachhaltigkeitsdiskussion heißt dies aber nichts anderes, als dass es uns darum zu tun sein muss, nicht nur unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, auch nicht nur die Bedürfnisbefriedigung der uns nachfolgenden Generation sicherzustellen sondern auch Sorge dafür zu tragen, dass bereits in der Gegenwart die Ärmsten der Armen in der Lage sein werden, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Seit Karl Marx, dem sicherlich bedeutendsten Analysten des Wirtschaftens schlechthin, wird in der ökonomischen Diskussion zu Recht unterschieden zwischen der Produktion von Gütern und Waren, die der Konsumption zur Befriedigung eines menschlichen Mangels dient, und der Produktion von Luxusgütern zur Luxus-Konsumption. Ganz eindeutig orientiert sich unser heutiges wirtschaftliches Koordinatensystem fast ausschließlich an der Luxus-Konsumption und sei es auch "nur" dadurch, dass Produkte zur Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse über Werbung und ein Branding entsprechend aufgepeppt werden, sowie einer damit einhergehenden Wegwerf-Mentalität im Blick auf alle Güter und Produkte – die zur Luxus-Konsumption genauso wie die zur Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse.

Ethisch gewendet lässt sich diese ökonomische Diskussion auf eine höchst einfache Frage reduzieren. Haben wir als Menschen das Recht, unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen? Die Antwort lautet ganz eindeutig: Ja. Mit einer Einschränkung allerdings: aber nicht auf Kosten anderer.

In Anbetracht der grundlegenden Mangelsituation in Ländern der dritten Welt verbietet sich eigentlich die Frage danach, ob wir unsere Luxus-Bedürfnisse befriedigen dürfen. Bereits die Frage an sich muss uns eigentlich ein spezifisches Unwohlsein bereiten.

Bevor wir uns den ethischen Implikationen allen Wirtschaftens zuwenden, lassen Sie mich zurückkommen auf den von mir vorgeschlagenen Schlüsselbegriff unserer Diskussion: "Nachhaltigkeit".

"Nachhaltige Entwicklung", das können wir in Wikipedia nachlesen, ist die übliche Übersetzung des englischen Begriffs "sustainable development" und bezeichnet eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der jetzigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Miteinbezogen in diese Definition ist die Forderung, bereits in der Gegenwart eine Befriedigung der Grundbedürfnisse der Ärmsten dieser Welt sicherzustellen.

Nachhaltigkeit steht also, grob betrachtet, im Gegensatz zur Verschwendung und kurzfristigen Plünderung von Ressourcen und bezeichnet einen schonenden, verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, auf die auch künftige Generationen angewiesen sind. Wegweisend für diese Denkweise waren die Untersuchungen des Club of Rome in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die in dem Buch "Die Grenzen des Wachstums" zusammengefasst worden waren.

Wer sich näher mit dem Begriff "Nachhaltigkeit" auseinandersetzen möchte, dem sei ein Blick in Wikipedia empfohlen.

All diese Überlegungen sind nicht neu. Nachhaltigkeit war ursprünglich ein Begriff, der für die Forstwirtschaft im 18. Jahrhundert in Deutschland entwickelt worden war und in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf gesamtwirtschaftliche Entwicklungen übertragen wurde. Das große Thema jedoch ist so alt wie das Nachdenken des Menschen über sich selbst. Und wenn wir die aktuelle Krise noch einmal durch ihren Kulminationspunkt charakterisieren, so ist der Ausgang bzw. das Initial dieser Krise ganz sicherlich ein finanzwirtschaftliches. Ein Abheben der virtuellen Geldwirtschaft über die real existierende Wirklichkeit alles Menschlichen war dieser Kulmination vorausgegangen. Kein Missverständnis: Ich rede nicht einer Abschaffung der Geldwirtschaft das Wort. Davon kann nicht die Rede sein. Denn vieles von dem, was heute – auch an Positivem – in der Welt ist, wäre ohne Geldwirtschaft nicht möglich gewesen. Ich stelle allerdings in Frage, dass wir mit den Vehikeln der Geldwirtschaft angemessen umgehen. Hier gibt es einen grundlegenden anthropogenen Defekt, den wir gemeinhin "Gier" nennen und den wir durch angemessene Regeln "reparieren" müssen.

Nun war die Zerbrechlichkeit der Finanzwirtschaft schon Aristoteles vor 2500 Jahren deutlich. Er kritisierte schon damals, dass aus dem Geld selbst Gewinn gezogen werde und nicht aus dem, wofür das Geld eigentlich erfunden wurde. Das Geld hat nämlich ein dem Handel dienendes, nicht aber ein diesen beherrschendes Mittel zu sein.

Der Chrematistik, vor allem der Geldvermehrung durch den Zins, stand Aristoteles kritisch gegenüber und ordnete sie immer der oikonomia unter. Aber auch die oikonomia selbst hatte immer einen ihr spezifisch eigenen Platz innerhalb der Politik, dem Gemeinwesen – nicht mehr und nicht weniger. Alle Tätigkeiten, welche der Haus- und Energiewirtschaft, der Herstellung von Gütern und deren Austausch bestimmt waren, spielten trotz ihrer Unentbehrlichkeit eine dienende Rolle innerhalb des politischen Gesamtgefüges eines Gemeinwesens. Für Aristoteles existierte nur dort Freiheit, wo sich der Mensch über das Wirtschaftliche erheben konnte. Auf das Individuum bezogen und mit einer moralischen Wendung versehen heißt dies nicht zuletzt, sich seines eigenen menschlichen Maßes bewusst zu sein. Um im Einklang mit der menschlichen Natur im Besonderen und der Natur im Allgemeinen zu leben, sei moralische Klugheit erforderlich. Ein Übermaß an Besitz zum Beispiel mache dies unmöglich. Die goldene Mitte sei somit das Beste, da man in solchen Verhältnissen am leichtesten der Vernunft gehorche.

Alle Fragen der Ethik, Politik, Metaphysik, Ökonomie etc. kulminierten immer in der einen Frage nach dem "guten Leben". Und genau diese essentielle Frage ist aus dem Kanon heutigen Fragens extrahiert.

Die Finanzmarktkatastrophe ist eine von Menschen geschaffene, von Menschen herbeigeführte Katastrophe, eine menschelnde Eselei – getreu dem Bonmot unseres alten Freundes Heinrich Heine: "Die Esel, wenn sie unter sich sind und sich ausschimpfen wollen, so schimpfen sie sich "Mensch"."

 

4. Fragen

Diese zivilisatorische Katastrophe, diese gesamtmenschliche Katastrophe haben wir selbst geschaffen. Und wir können dieser Katastrophe deswegen auch Herr werden. Denn was wir geschaffen haben, können wir auch beherrschen, zum Beispiel indem wir es verändern.

Dennoch müssen wir uns fragen, wie es zu dieser Krise kommen konnte. Denn nur, indem wir hinterfragen und analysieren, können wir auch substantiell eingreifen und verändern. Und genau die mit dieser Analyse verbundenen Fragen führen uns ins essentielle Zentrum unserer Wormser Ethik-Initiative.

Die alten Griechen hatten ein Wort für das Verhalten eines aus der Balance geratenen Menschen: Hybris. Genau in diesem Zusammenhang gibt es viele offene Fragen, denen wir uns annehmen wollen – auf der Suche nach Abhilfe einerseits und auf der Suche nach Möglichkeiten, die Antworten in einen Bildungs-Kanon zu überführen:

Welche Theorien sind verantwortlich für diese Hybris?

Welche ökonomische Lehre lehrt welche (falschen) Anreizsysteme?

Welche jungen Menschen werden mit welchem Selbstbild ins Leben und in den Beruf entlassen?

Wie können junge Menschen Haltungen erlernen, die sie überhaupt befähigen, nachhaltig Verantwortung zu übernehmen?

Wie und auf welchem Weg wird der Wert sozialen Kapitals vermittelt?

Welche Maßstäbe sind warum aus den Fugen geraten?

Welche Qualitäten und Kompetenzen werden in unserem System prämiert und welche sollten und müssten prämiert werden?

Wie können wir unser Bildungssystem nachhaltig gestalten – im Sinne der Brundtland-Definition?

Was können wir in dieser Wormser Ethik-Initiative tun, um eine nachhaltige Bildung und Ausbildung zu forcieren – unter anderem, indem wir die Nachhaltigkeit zum Thema unseres Bildungs- und Ausbildungssystems erheben?

Etc.

 

 

 

Dr. phil. Kurt E. Becker, Emmendingen im März 2009