»Ohne Nachhaltigkeit keine Zukunft.«
Dr. Kurt E. Becker

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WormserEthikInitiative

Wormser Ethikinitiative
Andreasstift-Gespräch am 14. November 2014

Regina Mayer:

Laudatio für den Frauennotruf Worms anlässlich der Verleihung des ALISA-Preises für vorbildliches Handeln

Sehr geehrte Gäste, liebe Frau Lang,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,

ich habe heute Abend eine schwierige und schöne Aufgabe gleichzeitig. Schön ist, dass ich eine Lobrede auf die von sexueller Gewalt betroffenen Frauen im Frauennotruf halten darf, die sich mutig ihr Leben wieder aneignen wollen und sich häufig dabei gegenseitig und voller Respekt unterstützen.

Schwierig ist die Aufgabe, weil es sich dabei um ein schweres Thema handelt, nämlich um sexuelle Gewalt. Ich glaube ich liege nicht falsch, wenn ich behaupte, dass wenn wir von sexueller Gewalt hören, wir oft so unangenehm berührt sind, dass wir eher dazu tendieren wegzuhören und wegzuschauen. Nun werden aber genau die Frauen heute Abend mit dem Alisa-Preis ausgezeichnet, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Und ich hoffe, ich finde die geeigneten Worte um uns in guter Weise von der Lebensleistung betroffener Frauen berühren zu lassen.

Jede 7. Frau erfährt im Laufe ihres Erwachsenenlebens strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt, wie Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung, Dunkelfeldstudien nehmen an, dass ca. jedes vierte Mädchen sexuelle Gewalt in der Kindheit erfährt.

Fragen auch Sie sich manchmal:
Wo sind eigentlich all diese betroffenen Frauen?
Wo in meinem Umfeld, in meiner Familie, bei meiner Arbeit, in der Nachbarschaft, im Verein, in der Gemeinde …   
Wo werden diese Frauen sichtbar mit ihren Erfahrungen?
Sichtbar mit ihren Erfahrungen von Gewalt und deren Folgen, aber auch sichtbar mit ihrem Ringen darum, dem erlebten Unrecht etwas entgegenzusetzen.
Schließlich sprechen wir hier von ca. einem Viertel der weiblichen Bevölkerung.

Ich behaupte: die wenigsten Betroffenen werden in unserem Alltag sichtbar. Wir als Gesellschaft haben noch keine Kultur des Zuhörens und Hinschauens, des Ansprechens entwickelt, in der Betroffene von sexueller Gewalt, Männer wie Frauen, es sich erlauben können, sich ganz zu zeigen: in ihrer Gewalterfahrung ebenso wie in ihrer Lebenskraft.

Betroffene berichten mir als Mitarbeiterin des Frauennotrufs oft von den Reaktionen ihres Umfelds, wenn sie sich als Opfer sexueller Gewalt zu erkennen geben.
Und leider erleben die Betroffenen es eher selten, dass sie dann zuhörende, hinschauende, begleitende Unterstützung erfahren.
Vielmehr gibt es Reaktionen wie:
Warum hast du denn nichts gesagt? Ein beschämtes Weggucken, ein Nichtaushaltenkönnen. Ein Bagatellisieren in Form von 'es ist doch schon so lange vorbei. Vergiss es endlich'.
Oder ein Anpackendes: Jetzt machst du halt mal Therapie, dann ist alles gut.
Oder die Frauen werden dann nur noch als das arme hilfebedürftige Opfer gesehen.

Ich glaube, deswegen brauchen wir Räume, wie den Frauennotruf. Räume und Orte, an denen der Versuch gewagt wird, hinzuhören, hinzuschauen und gegen das Unrecht der sexuellen Gewalt zu handeln.

Zu allererst und am vorbildlichsten, tun das die betroffenen Frauen mit sich selber. Wenn sie in den Frauennotruf kommen, wenn sie Beratung in Anspruch nehmen, wagen sich innerlich an die elendesten Orte ihrer Vergangenheit: Orte voller Scham, Angst, Schuld, Verlassenheit und Entwürdigung.

Da ist z.B. die Frau, die schon als Dreijährige im Hinterzimmer einer Kneipe von der Oma an die Männer des Dorfes verkauft wurde. Die eigene Familie mit dem alkoholkranken und gewalttätigen Vater bietet ihr keine Möglichkeit sich Hilfe zu holen. Sie sucht als junge Frau ein Entkommen durch eine frühe Ehe und findet sich wieder in einer Gewaltbeziehung. Mit Anfang dreißig fängt sie an, sich selber zuzuhören, genau hinzuschauen. Sie konfrontiert sich mit der inneren Scham, Angst, dem hilflosen Kind von damals. Sie trennt sich, kommt mit der folgenden Armut zurecht und beginnt eine Ausbildung, was ihr ihr Vater immer verwehrt hat. Heute, als fast Vierzigjährige, sagt sie zu mir: „zum ersten Mal in meinem Leben höre ich Sätze von Lob und Anerkennung für mich. Und ich fange an sie zu glauben.“

Da ist die Frau, die versucht einen Zusammenhang zu erkennen zwischen den schon seit der Kindheit bestehenden Depressionen, Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen und den Erinnerungen, die sie im Kopf hat. Sie schreibt und schreibt und schreibt und mit dem Schreiben gewinnen all diese Kindheitserlebnisse eine Realität, die kaum zu ertragen ist.
Und sie weiß, sie wird noch viel Mut brauchen, um die Worte auch aussprechen zu können.

Und da ist die Frau im Frauencafé, die nach vielen, vielen Jahren wieder Kontakt zu ihrer inzwischen über 80jährigen Mutter aufnimmt. Die erneut den Versuch wagt, mit ihrer Mutter über die Geschehnisse in der Kindheit zu sprechen. Die Antwort sucht auf die Frage: warum konntest du mir damals nicht helfen? Warum hast du ihn nicht verlassen?
Und die damals wie heute mit der Enttäuschung zurechtkommen muss, dass die Mutter sagt: da war nichts, ich habe nichts gesehen. Ich werde das Unrecht, das dir angetan wurde, nicht bezeugen.

Da sind überhaupt all die Frauen im Frauencafé, die gemeinsam Kaffee trinken, lachen, die Alltagssorgen teilen und immer wieder versuchen, eine neu hinzukommende Frau mit allem anzunehmen, mit dem sie ins Frauencafé kommt: mit ihrer Wut, mit ihrer Freude, mit ihrer Trauer, aber auch mit ihrer Angst und Scham, die z.B. macht, dass die Frau  wochenlang im Café kein Wort spricht und ihren Stuhl vom Tisch wegdreht.

All diese Frauen sind mir ein Vorbild. Sie sind mir ein Vorbild, ob im Frauencafé, in der Beratung des Frauennotrufs, als Unterstützerinnen des Frauennotrufs oder, wie ich vorhin sagte, überall in unserem sozialen Umfeld,  weil sie etwas tun, was uns auch gesamtgesellschaftlich ein Vorbild im Umgang mit sexueller Gewalt sein sollte :

Sie schauen hin, sie hören hin, sie sprechen an, sie schreiben dagegen an und sie handeln in ihrem täglichen Leben gegen das Unrecht, das ihnen angetan wurde.
Sie sind mir Vorbilder darin, das Tabu und das Schweigen um sexuelle Gewalt zu brechen.

Der Alisa-Preis ehrt Menschen für ihr vorbildliches Handeln und ich gratuliere allen Betroffenen hier zu dieser Auszeichnung. Ich freue mich, dass durch die Verleihung dieses Preises, die Lebensleistung von sexueller Gewalt betroffenen Frauen eine öffentliche Anerkennung erfährt.
Und ich möchte mich auch bei allen Frauen bedanken, die mich an ihren Erfahrungen und an ihrem Leben teilhaben lassen und mir ein Vorbild sind.

 


->> Laudatio für den Frauennotruf von Regina Mayer

->> Dankesworte von Frau Ramp-Uderstadt

->> Fotos von der Preisverleihung

->> Alisa-Preis-Urkunde

->> siehe auch Bericht in der Presse

->> Bericht auf der chronologischen Seite der Ethikinitiative